Mehrere Menschen schwer verletzt

Fremdwort Mitgefühl: Mühlheimer muss mehr als vier Jahre in Haft

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Rechtsanwalt Armin Golzem und der Angeklagte, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, mehrere Menschen schwer verletzt zu haben.

Mühlheim - Vier Jahre und neun Monate Gefängnis: Das Landgericht Darmstadt hat gestern einem Mühlheimer für mehrere Fälle schwerer Körperverletzung Justitias Quittung ausgestellt. Die fiel sogar etwas schärfer aus, als der Staatsanwalt forderte. Von Stefan Mangold 

Am zweiten Verhandlungstag hatte ein 58-Jähriger ausgesagt, der am 11. November vergangenen Jahres als zweiter Mann des Tages das Pech gehabt hat, dem gestern vom Darmstädter Landgericht verurteilten Angeklagten A. zu begegnen. Zwei Zeugen bestätigen seine Version. Sie hatten das Geschehen an der Rathenaustraße in Offenbach vom Fenster aus beobachtet.
Auf dem Gehweg dort hatte nachts ein lautstarker Streit zwischen dem Angeklagten und dessen Freundin getobt. Der Geschädigte erzählt, er habe kommentarlos dran vorbei gewollt. Die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff hält ihm zwar die Aussage des Angeklagten vor, er habe dessen Freundin festgehalten und ihn selbst beleidigt. Doch das Opfer bezeichnet das als „Blödsinn, ich wollte vorbei, sonst nichts.“ Aus dem Nichts habe ihn ein Schlag getroffen. Er könne nicht sagen, nach wie vielen Minuten er wieder zu Bewusstsein kam und nach Hause ging, von wo aus er die Polizei anrief. Das Attest bestätigt eine gebrochene Nase und eine Fraktur des Knochens unter der Augenhöhle.

Damit verantwortete der unter anderem dafür vorm Darmstädter Landgericht angeklagte Mühlheimer A. den zweiten und dritten Knochenbruch dieses Tages. Die Zeugen erzählen, Umdrehen und Zuschlagen mit der Rückhand seien quasi eine Bewegung des Angeklagten gewesen. Verteidiger Armin Golzem wird in seinem Plädoyer später ausführen, es sei nicht erwiesen, ob sein Mandant den Geschädigten überhaupt bemerkt habe.

Die Freundin des Angeklagten kann sich nicht auf den Status der Verlobten berufen, weil ihr Lebensgefährte noch mit einer anderen verheiratet ist. Ihre Version gibt Richterin Schroff Anlass zu einer Warnung: „Der Staatsanwalt hört zu und kann Anklage wegen Falschaussage erheben.“ Die Freundin erklärt, ihr Freund habe nur mit der Jacke nach dem Passanten geschlagen. Der habe dann gepöbelt und im nächsten Hauseingang auf das Eintreffen der Polizei gewartet. Auf den Einwand der Richterin, das könne schon deshalb nicht stimmen, weil sich mittels einer Jacke keine zwei Kochen brechen ließen, antwortet die Zeugin, „ich hatte es so wahrgenommen, außerdem habe ich auf den Mann nicht geachtet“.

Der nächste Zeuge erzählt, wie ihm am 1. Oktober 2017 in Hainburg zweimal jemand nächtens gegen das Auto trat. Als er das Fenster öffnete, habe ihm der Angeklagte mit freien Oberkörper ins Gesicht geschlagen. Bei dem Punkt plaudert Golzem aus dem Nähkästchen. Der Verteidiger erzählt, wie auch ihm schon mal ein Mann durchs offene Fenster einen Schlag versetzte, „leider ist das nicht ungewöhnlich“.

Aber ist es normal? Richter Christopher Potoski liest aus dem Gutachten der Psychiatrie in Hadamar vor, wo A. einsitzt. Von einer „dissozialen Persönlichkeit“ ist die Rede. Auf die eigenen Rechte bestehe er penibel, die anderer missachte er. Empathie kenne A. keine. Mitpatienten versuche er zu dominieren. Man habe beobachtet, wie er einen unter Druck gesetzt habe. Darauf angesprochen, habe A. jeden Disput geleugnet. Gegenüber Therapeuten verhalte er sich mitunter „extrem konformistisch“.

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Gutachter Professor Klaus Demisch sieht zumindest „erhebliche dissoziale Persönlichkeitsmerkmale“. Der Angeklagte spüre nicht, „dass er anderen großes Leid zufügt“. A. lerne nicht aus negativen Erfahrungen, wähne sich ständig angegriffen, „das deutet auf geringes Selbstwertgefühl“. Die Gewaltbereitschaft liege in seiner Persönlichkeit, das Kokain sei da nur der letzte Auslöser zum Ausbruch: „Weiterer Konsum wird zu weiteren Ausbrüchen führen.“ Erheblich verminderte Schuldfähigkeit könne er nicht ausschließen.

Staatsanwalt Betz sieht auf Grund fehlender Einsicht keine Möglichkeit, den Angeklagten die Haftstrafe statt in der JVA in einer Entziehungsanstalt absitzen zu lassen. Er fordert in Summe für alle Taten vier Jahre und acht Monate Haft. Anwalt Golzem hält dreieinhalb Jahre für genug. Der Angeklagte erklärt: „Ich würde alles gerne ungeschehen machen“. Das Landgericht unter Ingrid Schroff verurteilt ihn zu vier Jahren und neun Monaten Haft.

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