Haare schneiden

Mühlheimer und Obertshausener Friseure empfangen wieder ihre Kunden

In Obertshausen begrüßt Boni Carrasco seine Kunden – inklusive Hinweisschilder.
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In Obertshausen begrüßt Boni Carrasco seine Kunden – inklusive Hinweisschilder.

„Es riecht wie im Krankenhaus. “ Ein bisschen fühlt sich Heike Caselitz in ihrem eigenen Salon fremd. Desinfektionsmittel für die Hände, Schutzmasken und auf Wunsch Einmal-Handschuhe begrüßen den Kunden.

Mühlheim / Obertshausen –  Eine Plexiglasscheibe über dem Empfang trennt ihn von der Friseur-Meisterin. Ein nie gekannter Ansturm zeigt der Geschäftsinhaberin des „Hair Feeling“ an der Mühlheimer Straße in Lämmerspiel, „die Leute möchten ihr normales Leben zurück“.

Dabei kann sie den Besuchern weder die bunten Blätter mit den Berichten über die Königshäuser noch einen Latte Macchiato anbieten, „nicht einmal ein Wasser“. Stattdessen musste die Chefin Tische und Stühle raus räumen. „Kinder unter zwölf Jahre dürfen wir gar nicht die Haare schneiden“, sagt Heike. Am meisten aber stört die Unternehmerin, dass „jeden Tag neue Regeln kommen“. Die versprochene Soforthilfe dagegen sei noch immer nicht eingetroffen.

Allein am Montag hat sie 27 Anfragen per Textnachricht auf ihrem Handy empfangen, rund 100 per Telefon. Das Studio habe einfach eine riesige Stammkundschaft – und die hatte sechs Wochen keinen Friseur. „Ich hab’ tolle Kunden“, schwärmt die Expertin, kann aber gar nicht alle bedienen. Ihr fehle Personal, es gebe kaum noch Auszubildende. Neben ihrer Mitarbeiterin Hülya dürfen sich nur zwei Kunden im Laden aufhalten. „Jetzt bräuchten wir noch eine Hilfe.“

Während der ersten Schließung hat die Friseurin versucht, „alle glücklich zu machen“, viele Gespräche geführt, „Seelsorge geleistet“. Mit Tochter Lisa hat sie in ihrer Garage Farbe gemischt, in Marmeladengläser gefüllt und zusammen mit Gutscheinen per Fahrrad an die Kundschaft ausgefahren. „Alte Männer haben ihren Frauen die Haare gefärbt“, erfuhr sie durch Videos. Manche haben einfach Beträge überwiesen oder Sektflaschen vor die Tür gestellt. Jetzt kommen sie und fragen vorsichtig, ob sie eintreten dürfen.

Sechs Wochen lang ist die Inhaberin fast jeden Tag an ihrem Arbeitsplatz gewesen, und jeden Tag hat das Telefon geklingelt. Kunden wie ihre Schulfreundin Anja hätten ihre Termine verkaufen können, scherzt die Chefin.

Boni Carrasco hat für die Kundschaft des „Chamäleon“ den roten Teppich ausgerollt, den Eingang zu seinem Salon an der Bahnhofstraße in Obertshausen mit schwarzen, weißen und gelben Luftballons gerahmt. Sie sind zu viert, können vier Kunden gleichzeitig bedienen. Je zwei sitzen mit drei Meter Abstand auf einer Seite des Spiegeltisches, dazu hat der Figaro zwei Separees für Angehörige der Risikogruppe eingerichtet. Dadurch kommen jetzt auch Kunden anderer Salons.

Während der Zwangspause hat Carrasco seine Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, was wir ändern“, skizziert der Kult-Coiffeur die Vorbereitung auf die neue Zeit mit seinem Team.

Unter den Ballons steht nun ein Spender für die Handdesinfektion, ein Spuckschutz umhüllt die Theke, Verbotsschilder hängen am Durchgang und blockieren die gemütlichen Ledersessel am Fenster, Markierungsstreifen am Boden halten Besucher zurück. Mit der Pinzette reicht der Boss eine Schutzmaske, auch an den Schneideplätzen und in den Toiletten befinden sich Flüssigkeiten zum Abtöten der Viren.

„Unser Beruf erfährt gerade eine hohe Wertschätzung“, bemerkt Carrasco, „nicht alles ist selbstverständlich“. Über die Aktion „Rette Deinen Ort“ hat er online viele Gutscheine verkauft, auch „Spenden zur Überbrückung“ hat er bekommen.

Der Spanier bedauert aber, dass er seine Besucher nicht herzlich begrüßen kann, „keine Mimik, keine Umarmung, das Südländische fehlt einfach, das tut weh.“ Trotzdem seien alle gut gelaunt. Das Team brauche jetzt mehr Zeit für den einzelnen Kunden, „es wird weniger gesprochen, weil man unter den Masken weniger Luft bekommt, es ist ruhiger“. Für jeden Gast wird mehr Zeit eingeplant, weil die Vorgaben mehr Aufwand bedeuten, allein das Ausfüllen der Personalien in die Anwesenheitsliste dauert.

VON MICHAEL PROCHNOW

Auch die Kneipen in Mühlheim öffnen wieder. Ein Streifzug durch das Nachtleben der Stadt.

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