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Mühlheims VdK-Ableger feiert 70. Geburtstag

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Margarete Heinemann und Klaus Dieter Günther gehören dem Vorstand des VdK Mühlheim an. -   Foto: Mangold
Margarete Heinemann und Klaus Dieter Günther gehören dem Vorstand des VdK Mühlheim an. © Mangold

Mühlheim - Als der VdK das Licht der Welt erblickte, hatte er sein Kürzel wirklich nötig: Wer will sich schon „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ merken? Seinem Mühlheimer Ableger ebneten 15 Leute am 24. September 1947 den Weg. Zeit, diesen Samstag den 70. Geburtstag mit vielen geladenen Gästen zu feiern. Von Stefan Mangold

Beim VdK handelt es sich um keinen Club, in den Menschen eintreten, um einem Hobby zu frönen. Wer mit dem Verband Kontakt aufnimmt, muss in der Regel fürchten, sein bisheriges Leben wegen Krankheit oder Unfall so nicht mehr führen zu können. Das war auch bei Margarete Heinemann der Fall. Sie trat 2003 ein. Damals ging es der heute 67-Jährigen gesundheitlich alles andere als gut, „ich hatte mehrere Operationen zu überstehen“. Beruflich war Heinemann im Personalwesen, außerdem saß sie als ehrenamtliche Richterin beim Arbeitsgericht. „Von daher war mir der VdK ohnehin gut vertraut“, erinnert sich Heinemann, die längst wieder auf dem Damm ist. Aber sie blieb dem VdK treu. Anders als viele Menschen, die zum Leidwesen des Verbands nach ihrer Genesung wieder austraten.

Heinemann übernahm den Job der Kassiererin. Und in Vertretung von Herbert Keinath leitet Klaus Dieter Günther den VdK Mühlheim kommissarisch. Das Leben des heute 56-Jährigen veränderte sich am 9. April 1989 binnen Sekunden. Als er auf dem Motorrad gegen ein Auto prallte und mit dem Kopf gegen einen Zaun schlug, „da wusste ich sofort: Ich werde nie mehr laufen können.“ Es ärgerte ihn, als Ärzte anfangs sagten, es bestehe Hoffnung. Sein Schwager hatte ebenfalls auf der Maschine gesessen. Er flog gut zwanzig Meter durch die Luft und lag mit Knochenbrüchen Wochen im Krankenhaus: „Ich war heilfroh, dass er ohne bleibende Schäden weiter leben konnte.“ Günther selbst hatte weniger Glück. Damals hatte er im sechsten Halswirbel einen Trümmerbruch. Die Arme kann er bewegen, auch wenn er mit den Fingern nicht mehr wie früher greifen kann, die Beine nicht. Die haben aber noch Gefühl, „Hitze empfinde ich als Wärme.“

Günther erzählt von einem Schlüsselerlebnis im Krankenhaus, als er plötzlich wusste, wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein, die ausbleibt. Günther hatte Schmerzen. Ein Pfleger versprach, ihn gleich zu wenden, „der vergaß mich aber“. Die ganze Nacht litt er. Am nächsten Morgen meinte der Pfleger lapidar, „ich bin eingeschlafen“. Wie es sich als Behinderter in der Arbeitswelt anfühlt, erlebte der Vater einer 13-jährigen Tochter später. Bis zu seinem Unfall war der gelernte Betonbauer in einer Entsorgungsfirma Vorarbeiter. Als er aus der Reha zurückkehrte, erstellte er für das Unternehmen am Computer Statistiken.

Mittlerweile stehen die drei Buchstaben des VdK für den „Verband der Körperbehinderten, Arbeitsinvaliden und Hinterbliebenen“. Meist firmiert er einfach nur als Sozialverband. Günther trat 1995 ein. Damals setzte er sich juristisch mit seinem Arbeitgeber auseinander, „der mir zu verstehen gab: Entweder ich gehe mit Abfindung, oder er entlässt mich ohne“. Gerne hätte er eine Umschulung absolviert, „die bekam ich aber nicht genehmigt“. Statt dessen musste er in Rente.

Heute melden sich bei Klaus Dieter Günther und Vorstandskollegen Menschen, denen es etwa um die Pflegestufe des Ehepartners oder den Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis geht, „wir beraten die Leute jedoch nicht selbst, sondern leiten sie an die richtigen Ansprechpartner weiter“. Mittlerweile zählt der VdK in Deutschland 1,8 Millionen Mitglieder. In Mühlheim sind aus den 15 von damals 473 geworden. Für Margarete Heinemann und Klaus Dieter Günther kein ungetrübter Grund zur Freude: „Je schlechter sich das Sozialwesen entwickelt, desto mehr treten ein.“

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