Erinnerungen an die Kindheit

Mühlheim: Historische Heuernte zeigt, wie Bauern früher arbeiteten

Menschen stehen in historischer Kleidung und historischen Werkzeug vor einem Leiterwagen. Vor ihnen steht ein Maultier.
+
Mit Heugabeln, Sense und Leiterwagen ernten: Was heute in wenigen Stunden verrichtet ist, bedeutet früher viel Arbeit. Wie die historische Heuernte aussah, zeigten die Mitglieder des Geschichtsvereins. Zu Gast war auch Maultier Aurora, dessen Vater Esel und Mutter Pferd sind.

Aus heutiger Sicht mutet das Leben auf dem Land spannend an. Das zeigt der Mühlheimer Geschichtsverein mit einer besonderen Aktion.

Mühlheim – Das Wetter trieb im Laufe der Jahrtausende die Bauern immer wieder zur Verzweiflung. Die Sense lässt sich nur sinnvoll anlegen, wenn es mehrere Tage hintereinander nicht regnete. Zwar gestaltet sich auch der aktuelle Sommer ziemlich trocken, doch ein paar Tropfen hatte es in den zwei Wochen davor immer mal wieder geregnet. Nasses Heu fault jedoch schnell. So konnte Gastgeber Bruno Schmück den Termin für die Heuernte nur kurzfristig nennen.

Den um 1910 gebauten Leiterwagen hatte Schmück in Neuengronau, einem Dorf in der Rhön, aufgestöbert. Der Geschichtsverein kaufte ihn 2013. Anschließend restaurierten einige Mitglieder das Gefährt einen Monat lang, mit dem der Klub im gleichen Jahr an den Umzügen zur 1000-Jahr-Feier von Dietesheim und 2015 zum 1200. Geburtstag von Mühlheim teilnahm.

Auch Schmücks Schwägerin Heidemarie Schmück schaut zu. Die 77-Jährige erzählt von ihren Kindheitserlebnissen. Ihr Vater starb kurz nach dem Krieg an Tuberkulose. Die gebürtige Hanauerin hatte Glück, dass ihre Mutter mit den drei Kindern die Stadt vor dem großen Bombardement am 19. März 1945 verlassen hatte. Die folgenden Jahre brachte sie ihre Kinder in Bergwinkel durch, wo die Ausläufer von Rhön, Spessart und Vogelsberg zusammenfließen. Die Mutter arbeitete dort in der Landwirtschaft.

Heidemarie Schmück erinnert sich, wie sie bei der Heuernte auf dem Wagen saß, hoch genug, um Kirschen zu pflücken. Wetterberichte wie heute gab es nicht, „die Bauern schauten aufs Barometer“. Es passierte manchmal, dass der Zeiger binnen weniger Stunden stark fiel und sich der Himmel schwärzte, „dann brach Hektik aus“.

Noch im 19. Jahrhundert arbeiteten 90 Prozent der Deutschen in der Landwirtschaft, nach dem Krieg waren es noch 50 Prozent. Mittlerweile liegt die Quote bei einem Prozent. Heute braucht ein Bauer vielleicht zwei Stunden, um so ein Feld zu mähen und das Heu zu Rollen zu pressen. Heidemarie Schmück erzählt von mehreren Männern, die damals ihre vollen Gabeln nach oben reckten, wo ein Helfer mit den Händen das Heu abnahm. Die Aufgabe der Kinder lag darin, das Winterfutter platt zu treten.

Ging es dann bergab, lief zu beiden Seiten jemand mit einem Bremsklotz nebenher, denn „sogar die kräftigen Kaltblüter konnten so einen Wagen alleine nicht halten“.

Heidemarie Schmück behielt wie viele ihrer Generation eine schöne Kindheit in Erinnerung, „es war herrlich, immer draußen zu sein“. Durch die Erlebnisse habe sie einen unmittelbaren Bezug zu dem, was auf den Tisch kommt, „weggeworfen wird bei uns nichts“.

Eigentlich sollte an diesem Tag René Duttinés Schimmel den Wagen ziehen, doch der selbstständige Gärtner schaffte es nicht mehr rechtzeitig, weshalb Bruno Schmück einen bestens restaurierten Oldtimer-Traktor vorspannt. Ein Vierbeiner mit Hufen ist dennoch dabei. Ella Kielbassa bringt das Muli Aurora vorbei – eine nette Gesellin, die gerne die Ohren massiert bekommt, wie die Besucher erfahren. Bei Aurora handelt es sich um ein Maultier, ihr Vater ist ein Esel, die Mutter ein Pferd. Beim Maulesel verhält es sich umgekehrt. Beide haben jedoch gemeinsam, dass ihr Stammbaum in der Regel mit ihnen endet. Denn weder Maultier noch Maulesel können sich – abgesehen von seltenen Ausnahmen – fortpflanzen.

Am Tisch nebenan, gedeckt mit Brot und Wurst, im Schatten sitzen Gerda Brinkmann, Angelika Löwenheim und Walter Schäfter in historischer Kleidung und runden das Bild ab. (Von Stefan Mangold)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare