Gesammelten Schätze

Geschichtsverein Mühlheim: Zwischen Schraubzwingen und Schulranzen

Mit historischen Ausstellungsstücken: der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Karl-Heinz Stier (von links) und seine Mitstreiter Heidrun Ramonat und Walter Schäfer. 
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Mit historischen Ausstellungsstücken: der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Karl-Heinz Stier (von links) und seine Mitstreiter Heidrun Ramonat und Walter Schäfer.

Früher gingen Brötchen, Zwei- und Dreipfünder Mischbrot über die Theke, Plunderstückchen und Streuselkuchen. Das ist jetzt fast 70 Jahre her.

Mühlheim – Heute stehen die „Personenwaage mit Karten-Ausgabe“ aus der Bahnhofshalle im Laden der einstigen Bäckerei Weigand, Cocktailsessel mit Kunstlederbezug in rot, grau und gelb, Dreieck- und Nieren-Beistelltisch sowie viel Porzellan in den alten Vitrinen. Und fast sämtliche Schriften des aktuellen Mieters. Der Geschichtsverein hat zudem die Schaufenster seines Geschichtsecks neu ausgestattet.

Schreiner- und Drechslerwerkzeuge sind in der Auslage drapiert. Die Geräte sind Leihgaben von Privatleuten und geben einen Eindruck, wie Handwerker in der Vergangenheit arbeiteten. Vereinsmitglied Walter Schäfer hat den Beruf des Zimmermanns gelernt und nach zwei Gesellenjahren ein Bauingenieur-Studium drangehängt, erzählt er.

Viele Teile der historischen Übersicht hat Vorstandsmitglied Schäfer aus Nachlässen zusammengetragen. Dazu zählen alte Stecheisen, Hobel verschiedener Arten und Formen wie Schrupp- oder Bankhobel. Mit einem Simshobel werden Profilleisten angefertigt, erläutert der Experte. Im Fenster liegen außerdem Holz- und Schrotsägen, schwere Feilen, Holz- und Eisenhammer sowie Schraubzwingen und Holzleisten für die Schuh- und die Hut-Herstellung.

Der Geschichtsverein verfüge über zwei Schaufenster-Läden, erinnert Vorsitzender Karl-Heinz Stier: den Geschichtstreff an der Offenbacher Straße und seit zehn Jahren residiert das Geschichtseck an der Ecke Jahn- und Lessingstraße. „Hier lagern alle Bände, 37 an der Zahl, die der Verein bisher herausgegeben hat.“ Auch kleinere Ausstellungen wie die zum Zimmerer-Handwerk werden dort gezeigt. Aktuell sind Federzeichnungen von Rudolf Pinhack zu sehen, der mit Kaligrafiekunst die Urkunden für die Stadt gestaltet hat.

Das Geschichtseck weist zugleich auf die Verbreitung der Geschäfte im vergangenen Jahrhundert hin. „Wir haben die alte Bäckerei damals bekommen, weil wir kein Trara und kein Radau machen“, berichtet Schäfer. Und ihre Ausstattung blieb fast originalgetreu erhalten, mit den Vitrinen mit Schiebeglas und den Deckenplatten. Allein die Thekenkurve steht jetzt beim Sängerkranz. Die 79 Kilogramm schwere Waage schleppte die Feuerwehr her. Sie funktioniert noch, und wer einen Groschen einwirft, erhält sein Gewicht auf einer dicken Karte ausgedruckt. Weitere Exemplare stammen aus einer Arztpraxis und der Bäckerei.

Prunkstück in dem Laden ist auch eine englische Nähmaschine von WCS, schwarz mit goldenen Ornamenten. sie wird mit einer Handkurbel gedreht. Die zweihornige Trompete stammt aus dem Basaltabbau, ebenso der Schulranzen mit Tender, Brotbüchse und Bügelflasche aus Metall. Gefreut hätten sie sich über einen Realschüler, der für seine Abschlussarbeit Bücher des Geschichtsvereins ausgeliehen hatte, um Mühlheim während der Nazi-Zeit zu beschreiben, erzählt Stier. Mit Hilfe der Hobby-Historiker holte er eine glatte Eins.

Immer wieder kommen Mühlheimer vorbei, blättern durch Bücher, um alte Brunnen, Fabrikgebäude, Galgen oder Gaststätten zu finden, nach Adressen und Namen von Angehörigen zu forschen. „Die eigene Geschichte ist in Mode gekommen“, beobachten die Ehrenamtlichen. Vielleicht auch durch ihr Engagement. (VON MICHAEL PROCHNOW)

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