Bisschen dünn, der Mann

+
So eine Wipp-Waage ist vergnüglich, aber gnadenlos ehrlich. Beim Müllerborsch-Aufwiegen hätte sie ruhig etwas lügen dürfen.

Mühlheim - Hätten sie ihn vielleicht doch noch mal an die Theke schicken sollen, Hackbraten essen, Feuerrädchen oder Nierenspieß? Oder ihm ein paar Flaschen aus den Kästen, die sich jetzt ihm gegenüber stapeln, abzweigen sollen? Von Michael Prochnow

Stattdessen haben sie ihn in einen Autoscooter gesetzt und waghalsige Ausweichmanöver provoziert! Jetzt ist’s zu spät, auch das heimliche Herabdrücken des Sitzes mit dem Herrscher über die Mühlenstädter drauf funktioniert nicht – der Rupp sieht alles. Der 20. Müllerborsch ist gewogen!

Drei Kästen des Gerstensaftes hieven die Vorgänger von Gerd Noll in Dienstkleidung aufs andere Ende der Waage. Dann kommen die Mehlsäcke dran, zwei, drei, vier – zuviel! Der Mützenträger im festgenagelten Stuhl hebt sich in die Höhe. Also, Sack runter, Bierflaschen drauf – Borsch runter. So geht das Spiel zum Abschluss der Mühlheimer Kerb noch eine Weile, bis Noll und Nahrungsmittel auf einer Ebene schweben.

Drei Kästen Bier, drei Mehlsäcke und 17 Flaschen

Kindern ist der spontane Wandel in Piraten, Prinzessinnen und Schmetterlinge jederzeit vergönnt - gut für den Nachwuchs, der sich auf der Kerb von der Jugend des Mühlheimer Karneval-Vereins schminken und per Airbrush mit einer - zum Elternglück verlässlich kurzlebigen - Tätowierung verzieren ließ.

Michael Rupp, der Vorsitzende des Verkehrs- und Verschönerungsvereins, und sein Assistent Ludwig Neunobel zählen von der Bühne aus drei Kästen Bier, drei Mehlsäcke und 17 Flaschen auf dem Gerät, das aus der Werkstatt eines ehemaligen Zipfelmützenträgers kommt. Lothar Ulitzsch musste das Gerät jedoch für die revolutionäre Borschen-Besetzung des vergangenen Jahres anpassen – die Brüder Ilias und Tobias Chatziavramidis, obendrein mit Wurzeln im Hoheitsgebiet der Dietesheimer Kerb, warfen freilich mehr Grundstoff für das Backwerk zum Weihnachtsmarkt in die Waagschale.

Das Müllerborsch-Gewicht wird als Mehl für das Gebäck verwendet, das der Amtsinhaber und Helfer zum Auftakt des adventlichen Bummels zwischen den Buden verteilt. Bis dahin wird die Traditionsfigur mit dem leichten Säckchen auf der Schulterklappe noch auf zahlreichen Festen und Feierlichkeiten in allen Stadtteilen auftauchen.

Mühlheimer feiern ihre Kerb

Mühlheimer feiern ihre Kerb

Die Kerb mit ihrem üppigen Programm und den vielen Vereinen hat wieder zahlreiche Freunde gefunden. Auch das Wetter half mit, dass sich an fast allen Tagen viel Volk im Bürgerpark tummelte. „Uns geht’s nicht ums Geld“, lächelt Gisela Eisner. Ihrem Team bereite der Dienst im Weinstand einfach Spaß, begründet die Vorsitzende der Altstaedter-Karnevalisten und genießt den Plausch mit einem Mitglied. Besucher genießen die rare Abendsonne im Biergarten, Jugendliche drehen die letzten Runden mit den gummiumringten Fahrzeugen. Die Wagen des Kinderkarussells sind schon verschwunden, die Händler stapeln kuriose Hüte. Die Mühlheimer Kerb muss sich hinter keiner anderen verstecken.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare