Umweltstammtisch ruft zur Putzaktion

Mysterium Klopapier am S-Bahnhof

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Peter Mayer (hinten) und Rolf Helpensteller am Mühlheimer S-Bahnsteig. Dort sammelt die Sogwirkung den Müll im Gleisbett.

Mühlheim - Der Mühlheimer Umweltstammtisch, letzte aus der Lokalen Agenda gerettete Runde engagierter Bürger, ruft zu einer Extra-Putzaktion an Mühlheims S-Bahnhof. Von Marcus Reinsch 

Hier Putzen wäre für den Umweltstammtisch illegal und sowieso viel zu gefährlich.

Auf das Hoheitsgebiet der Bahn dürfen die Helfer am Samstag zwar nicht – zu gefährlich. Aber am Drumherum ist was zu retten.
Ließe sich die Sogwirkung, die S-Bahnen an Mühlheims Bahnhof auf den Müll im Schienenbett entwickeln, auf das Engagement von Menschen umleiten, Peter Mayer und Rolf Helpensteller wären ziemlich glücklich. Und angesichts der Anwendung eines physikalischen Prinzips auf den menschlichen Geist wohl auch bald Nobelpreisträger. Für sie wichtiger: An ihrem Umweltstammtisch – einziger Überlebender der längst im Geschichtsbuch des bürgerschaftlichen Engagements abgelegten „Lokalen Agenda“ – würde viel mehr in Bewegung geraten, als es die zu überschaubare Zahl von Akteuren momentan kann.

Nun, ein Traum. Und so müssen sich die Herren mit Blick in den vermüllten Gleiskörper auf das beschränken, was sie seit vielen Jahren immer wieder tun: Mit Fingern und Worten auf die Zustände an „Mühlheims Tor zur Welt“ (Mayer) deuten, ihren ungleichen Kampf Umweltschützer-David gegen Bahn-Goliath ausfechten und ab und zu selbst anpacken, um wenigstens das Umfeld des Bahnhofs in Ordnung zu bringen. Vielleicht hilft der stete Tropfen ja was.

Also geht’s am Samstag wieder ins Umfeld, wo die Bahn gerade als Barriere für Abkürzer den Zaun komplettiert hat.

Bisher hat er das immer nur kurzfristig getan. Mal schickte die Bahn einen nächtlichen Aufräumtrupp, weil Helpensteller den richtigen Ansprechpartner erwischte. Bald, sei ihm zugesagt worden, solle es mal wieder soweit sein. Immerhin ist es nach seiner Beobachtung selbst an Offenbachs S-Bahn-Stopps sauberer. Da können Mühlheimer schon mal nachdenklich werden. Mal klaubten auch städtische Ordnungsengel den Dreck aus den Büschen entlang des Stichwegs auf der Südseite des Bahnhofs. Und im Herbst, wenn beim Aktionstag „Sauberhaftes Mühlheim“ die kollektive Aufräumstimmung sowieso gut ist und Dutzende Freiwillige mit Greifer und Müllsack durchs Naherholungsgebiet streifen, machen das seit Jahren auch der Umweltstammtisch und Vereine auf weiteren Terrains.

Ein wichtiger, nicht nur symbolischer Akt. Denn die letzten „Sauberhaft“-Bilanzen vermerkten zwar einen Rückgang der Sammelmengen. Doch die Halbwertszeit des Erfolgs ist natürlich überschaubar. Gerade am Mühl-heimer Bahnhof scheint es, als würde mancher Nutzer eine saubere Umwelt als unangebrachtes Vakkum empfinden, das möglichst schnell mit neuem Müll gefüllt werden muss.

An den Schienen wird das besonders deutlich, weil besagte Sogwirkung alle Beweise für die unendliche Gleichgültigkeit zu vieler Zeitgenossen an der Rändern der Gleisbetten zusammenweht. Da fragen sich dann selbst Helpensteller und Mayer, wie eigentlich diese ganzen seit vielen Wochen umherkullernden Klopapierrollen ins Gleisbett geraten sind. Ist es ein Hobby, sie aus Fenstern von Regionalbahnen zu werfen, damit der nächste Eilige angeschmiert ist?

Unterwegs mit den Offenbacher Müll-Detektiven: Bilder

Helpensteller hat aber auch keinen Zweifel, dass die teils zerdepperte Armada leerer Weinflaschen, die Schokoriegelpapiere, die Kronkorkensammlung und jede andere Hinterlassenschaft, die er beim Rundgang am Stichweg entdeckt, an diesem Samstag noch da sein werden. Dann rückt der Umweltstammtisch außer der Reihe zum Putzen an, „damit es auch im Sommer ordentlich aussieht“.

Immerhin: Wo die Flaschen liegen, hat die Bahn vor Kurzem ein Stück Zaun setzen lassen, damit niemand mehr die lächerliche Betreten-verboten-Kette am Ostende des Bahnsteigs aushängt und seinen Heimweg über die Gleise abkürzt. Apropos positiv: Momentan finden Mayer und Helpensteller den Zustand des Bahnhofs selbst „nicht schön, aber auch nicht zu schlimm.“ Und als sie am nördlichen Aufzug vorbeikommen, setzt der sich in Bewegung. Helpensteller ist baff: „Meine Güte, der funktioniert. Wie lustig!“

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