Suche nach dem Normalzustand

Nach Pflegeskandal: Alles auf Anfang im Altenheim

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Eine fast komplett neue Chefetage soll die nach dem Pflegeskandal vor vier Monaten massiv unter Beschuss geratene Einrichtung des Rotkreuz-Kreisverbandes in ruhigeres Fahrwasser bringen.

Mühlheim - Die Heimleiterin und die Pflegedienstleiterin des DRK-Seniorenzentrums in Mühlheim sind weg. Von Marcus Reinsch 

Eine fast komplett neue Chefetage soll die nach dem Pflegeskandal vor vier Monaten massiv unter Beschuss geratene Einrichtung des Rotkreuz-Kreisverbandes in ruhigeres Fahrwasser bringen. Mit diesem Ziel wurden auch weitere Maßnahmen ergriffen.

Die Bestätigung, dass der vor vier Monaten von einer Fernsehreportage ausgelöste Pflegeskandal um das Mühlheimer DRK-Altenheim nun auch zu einer beinahe komplett neuen Chefetage in der Einrichtung führt, kommt gestern auf Anfrage von Doru Somesan. Die Heimleiterin und die Pflegedienstleisterin seien gekündigt, bestätigt der DRK-Kreisgeschäftsführer.

Der neue Heimleiter, bisher Stellvertreter, habe seine Aufgabe im Februar begonnen. Die neue Pflegedienstleitung sei schon seit Dezember im Amt, weil die bisherige Pflegedienstleisterin abgetaucht sei. Diese Konsequenzen habe der DRK-Kreisverband ziehen müssen, weil offenbar geworden sei, dass der Skandal die bisherigen Chefinnen psychisch und physisch stark mitgenommen habe. Nötig sei aber, um die Krise zu überwinden, „ein Team, das Ordnung schaffen kann“.

Neu besetzt werden solle auch die Leitung der unter SOM firmierenden Sozialstation des DRK. Der jetzige Leiter sei noch bis März angestellt. Er orientiere sich allerdings aus Gründen neu, die nicht mit dem Pflegeskandal zusammenhängen.

Von drei Pflegekräften, die in der teils mit versteckter Kamera gefilmten und unmenschliche Zustände zeigenden Reportage zu sehen gewesen sind, hatte sich das Rote Kreuz bereits im Oktober getrennt (wir berichteten). Gegen sie hatte die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen des Missbrauchs Schutzbefohlener Ermittlungen aufgenommen. Vor Gericht verantworten müssen sich offenbar auch Menschen, die Mitarbeiter des Heims in ihrer Empörung scheinbar wahllos mit dem Tod bedroht hatten. Von aktuellen Drohungen, sagt Somesan, sei ihm nichts bekannt. „Es hat sich nun auf allen Ebenen stark beruhigt.“

Von geheilten Wunden kann in so kurzer Zeit allerdings keine Rede sein. Schon, weil der in der Diskussion um den Skandal offenbarte eklatante Mangel an qualifizierten Pflegekräften auf dem Arbeitsmarkt immer noch existiere und auch nicht von Mühlheim aus gelöst werden kann. Die wenigen Tausend von der potenziellen Großen Koalition im Bundestag ins Spiel gebrachten neuen Stellen, verweist Domesan, seien nur ein Bruchteil dessen, was wirklich nötig sei. Da gebe es eine „Diskrepanz zwischen Planung und Tatsachen“ und „ein strukturelles Problem“. Der Arbeitsmarkt sei einfach leer, und dass sich Einrichtungen die Fachkräfte mit immer neuen und mehr Versprechungen gegenseitig abzuluchsen versuchen, wirke ganz sicher nicht gegen die Fluktuation in den Heimen.

Erster Eindruck zählt - Das richtige Pflegeheim finden

Was das Mühlheimer Heim betrifft, habe es im Nachgang des Skandals ein oder zwei Kündigungen von Bewohnern oder ihren Angehörigen gegeben und sechs oder sieben von verunsicherten Angestellten. Aber „eine Flucht haben wir nicht gehabt“.

Das aktuelle Verhältnis von qualifizierten zu angelernten Pflegemitarbeitern – zur Zeit des Skandals lag die Quote bei 32 statt der vorgeschriebenen 50 Prozent – lasse sich höchstens als Momentaufnahme darstellen. Denn der Bedarf ändere sich ständig, hänge von der Zahl der Bewohner und der Entwicklung ihren Pflegestufen ab. Seit Herbst habe das Kreis-DRK „unglaublich viel Personal reingepumpt“. Und es sei dazu übergegangen, die Führungsfunktionen doppelt zu besetzen. Somit gebe es nun auch Stellvertreter plus die Wohnbereichsleiter und eine Qualitätsmanagerin für das ganze Haus.

Mit der Heimaufsicht, einer Kontrollbehörde, und über sie mit den Krankenkassen „stehen wir in ständigem Kontakt“. Es gebe immer wieder Besuche der Kontrolleure, dazu wöchentliche Berichte über den Personalstand, die Bewohnerzahl und beispielsweise die sozialen Dienste. Den Aufnahmestopp, den sich das Heim im Oktober selbst auferlegt habe, gebe es weiterhin. „Erst einmal müssen wir zu einem Normalzustand kommen“, sagt Domesan. „Wir haben viele neue Führungskräfte, die jetzt lernen müssen, miteinander zu arbeiten.“

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