Freundschaftsspiel mit Betonung

Nach Rassisten-Angriff: Fußballer setzen Signal

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Mühlheim - Auf eine böse Erfahrung soll eine gute folgen: ein Freundschaftsspiel. Die Sportvereinigung (Spvgg) Dietesheim und der Sportverein (SV) Hochland Fischborn haben für diesen Sonntag, 29. Juli, eine Begegnung ihrer ersten Herrenmannschaften verabredet. Anpfiff ist um 14 Uhr auf dem Spvgg-Gelände am Dietesheimer Wingertsweg.

Es ist ein Treffen mit deutlich mehr Signalwirkung, als sie Freundschaftsspiele normalerweise entfalten. Auslöser des Spiels ist das Erlebnis, das die für ein Trainingslager in den Mainz-Kinzig-Kreis gereisten Dietesheimer Mitte Juli bei der unter der Regie des SV Hochland Fischborn laufenden Kerb hatten. Der Spvgg-Mittelfeldmann Kewin Siwek hatte auf seiner Facebook-Seite mit eindringlichen Worten und einem Video öffentlich gemacht, wie Rechtsradikale sein Team zunächst beim Fest selbst offenbar gezielt provozierten und dann ein rassistischer Mob mit Neonazi-Parolen zur Jagd auf sie ansetzte.

Dass die im „FairPlay“-Programm geschulten Dietesheimer Kicker selbst in dieser Situation deeskalierend wirkten, hat möglicherweise Schlimmstes verhindert. Denn Gewaltbereitschaft sollen die Rädelsführer der Angreifer von Anfang an gezeigt haben. Das Team musste sich im Hotel in Sicherheit bringen, vor dem der Dietesheimer Cheftrainer Giovanni Palermo 30 bis 50 Menschen wahrgenommen hat. Strafanzeige erstatteten die Dietesheimer vor Ort nicht. Die Südosthessen-Polizei geht mittlerweile jedoch dem Verdacht der Volksverhetzung nach und vernimmt Beteiligte.

Insofern ist das nun angesetzte Freundschaftsspiel viel mehr als eine Trainingspartie außerhalb des Ligabetriebs. Die Vereine wollen damit öffentlich demonstrieren, dass sie trotz und gerade wegen der Geschehnisse zusammenstehen und das Dorf auch nicht unter einen braunen Generalverdacht stellen. Dazu gäbe auch auch keinen Grund. Die Spvgg war nicht zum ersten Mal für ein mehrtägiges Training dort, schlechte Erfahrungen gab es dabei nicht.

Dem Wort Freundschaft kommt beim Freundschaftsspiel also eine besondere Betonung zu. „Wir wollen gemeinsam zeigen, dass wir das, was dort geschehen ist, nicht tolerieren“, sagte Giovanni Palermo zu unserer Zeitung. Nach Bekanntwerden des Ereignisses hatten sich auch die Gemeindevertretung Birstein und der Main-Kinzig-Kreis mit deutlichen Formulierungen von den Angreifern und ihrem Gedankengut distanziert.

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Heute legte die hessische Landesregierung ihre Einschätzung der Lage nach. Staatssekretär Kai Klose (Grüne), Bevollmächtigter des Landes für Integration und Antidiskriminierung, sprach von einem „mutmaßlich rassistischen Angriff“ und einem „Alarmsignal, dass Menschen in Hessen bepöbelt, bedroht und gejagt werden“. Aus seiner Sicht ist der Übergriff „auch Folge der Verrohung und Enthemmung der politischen Debatte um Flucht und Migration: Aus Worten werden Taten“.

Es hätten aber neben dem Bürgermeister von Birstein auch viele Einwohner angeboten, bei der Aufklärung zu helfen. „Sie sind es, die für Hessen stehen, nicht der ausländerfeindliche Mob.“ Das Grundgesetz sage eben nicht, dass die Würde nur in Deutschland geborener Menschen unantastbar ist, sondern die aller. (mcr)

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