Orkan „Friederike“

Pöbeleien gegen Sturm-Helfer: „Was willst du, Spast?“

+
Wie ein riesiges zerknittertes Betttuch landete das Flachdach eines Wohngebäudes nach einer Böe auf der Bahnhofstraße.

Mühlheim - Das Sturmtief Friederike hat Mühlheim eins aufs Dach gegeben – und in einem Fall auch mittenrein: Das Dach eines Wohnhauses hob ab, krachte in einem Stück auf die Bahnhofstraße. Dass es keine Verletzten gab, gilt als kleines Wunder. Von Marcus Reinsch 

Für mehr Kopfschütteln im Städtchen sorgt eine andere Wut. Die Feuerwehr bekam es beim Sturm-Einsatz mit einem beleidigendem Passanten zu tun.

Ob „Friederike“ Mühlheim heimsuchen würde, war nicht die Frage. Die Meteorologen hatten sich ziemlich einig gezeigt, dass zumindest kräftige Ausläufer des Sturmtiefs mit dem schönen Namen am Donnerstagnachmittag auch an den Menschen, Gebäuden und Bäumen des Rhein-Main-Gebiets zerren würden. Nicht vorhersagbar allerdings war, was dann in der Bahnhofstraße passierte: Eine Böe ließ das komplette Flachdach eines mehrstöckigen Wohnhauses zwischen Dammstraße und S-Bahnhof einfach abheben. Es landete nach kurzem Segelflug noch am Stück auf dem Asphalt, blieb wie ein zerknittertes überdimensionales Bettuch liegen. Dass kein Mensch drunter lag, kann auf der oft belebten Einkaufsmeile des Städtchens nur als großer Glücksfall gelten.

Das löste an diesem Tag den größten und langwierigsten Einsatz für die Retter der Freiwilligen Feuerwehren aus. Unter Leitung von Stadtbrandinspektor Lars Kindermann räumten 16 Einsatzkräfte die Trümmer weg. Allein das füllte dreieinhalb Stunden und zwei große Container – zumal auch mehrere parkende Autos und Nachbardächer durch herumfliegende Fragmente beschädigt worden waren.

Alles zu Orkan „Friederike“

Die Straße musste dafür vollständig gesperrt werden, weil immer wieder einzelne Ziegel von Gebäuden fielen und darüber hinaus mit der Drehleiter einzelne Dachaufbauten auf Standsicherheit zu überprüfen waren. Besonders leichte Teile, etwa aus Styropor, fanden sich nach Kindermanns Beobachtung noch mehrere hundert Meter entfernt.

Insgesamt gab es sieben Einsatzstellen in Mühlheim, teilt die Feuerwehr mit. Die harmloseste war einer Ölspur in Lämmerspiel geschuldet. Danach begann mit „Friederike“ der Kampf gegen abstürzende Dachziegel und umgestürzte Bäume.

In keine Einsatzkategorie, weil für den gesunden Menschenverstand eigentlich undenkbar, passt, dass mitten im Sturm auch das Selbstverständnis der Feuerwehrleute selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ein 18 Jahre alter Passant, dem mit Hinweis auf die Lebensgefahr durch umherfliegende Teile der Zutritt zum abgesperrten Bereich verweigert wurde, beleidigte Kindermann.

Auf Anfrage unserer Zeitung berichtete der Stadtbrandinspektor gestern, dass der junge Mann auf die Abfuhr mit den Worten „Was willst du, Spast?“ reagiert habe, zwischenzeitlich wegging, wiederkam, es bei einem anderen Feuerwehrmann versuchte, natürlich auch dort abblitzte und sich vom Platzverweis selbst nach dem Hinweis auf die Polizei nicht beeindrucken ließ. Ordnungshüter hätten die Aufregung mitbekommen, den Störenfried ebenfalls versucht zu beschwichtigen und schließlich aus dem Gefahrenbereich bugsiert. Als er sich entschuldigen sollte, sei er ausgeflippt. Die Polizei habe dann eine Anzeige wegen Beleidigung aufgenommen.

„Friederike“ in Hessen: Bilder

Über das Geschehen gibt Kindermann, selbst Rechtsanwalt, im Kurzinterview Auskunft:

Dass sich Einsatzberichte von Feuerwehren meist um wenig schöne Ereignisse drehen, liegt in der Natur der Sache. Dass ehrenamtliche Retter, die eigentlich beschützen wollen, mit Worten oder Fäusten angegriffen werden, ist aber selten. Oder?

Es ist natürlich nicht die Regel. Aber es wird leider häufiger. Wir erleben das ja auch nicht zum ersten Mal. Beim schweren Unfall an der Friedensstraße zum Beispiel, als eins der beteiligten Autos die Rathaustreppe hochfuhr, da sind uns Leute mitten durch die Einsatzstelle gelaufen – um Fotos zu machen. Das mus man sich mal überlegen. Aber wenn wir diese Zeitgenossen dann ansprechen, damit sie den Ort verlassen, wird lamentiert, gemotzt, auch gedroht.

... und geschlagen?

Bei einer anderen Gelegenheit wurde einer unserer Kameraden, der mit dem Fahrrad zum Feuerwehrhaus unterwegs war, um bei einem Einsatz zu helfen, von einem Passanten geohrfeigt. Alle Brandschützer in Mühlheim, Dietesheim und Lämmerspiel verrichten ihren Dienst an der Allgemeinheit ehrenamtlich, und da ist die Respektlosigkeit, die Uniformierten aus eigentlich allen Rettungsorganisationen mittlerweile vor allem von der jüngeren Generation entgegengebracht wird, schon auffällig.

Was folgt aus dem Ereignis in der Bahnhofstraße? Müssen Feuerwehrleute künftig neben all den Atemschutz- und Gerätelehrgängen bald auch Psychologie- und Selbstverteidigungskurse belegen?

Das nicht. Klar, in einer besonderen Situation kann man auch mal etwas seltsam reagieren, das geht uns allen so. Damit muss man nicht nur für Feuerwehreinsätze umgehen lernen. Aber am Donnerstag war das Maß einfach voll. Ich muss mich nicht als Spast beleidigen lassen. Und keiner muss sich alles gefallen lassen. Hätte der junge Mann sich einfach entschuldigt, hätte ich gesagt: Komm, ist gut, geh einfach deiner Wege.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare