Ode an die Nachbarschaft

Mühlheimer halten auch mit sicherem Abstand Kontakt zueinander und zeigen sich solidarisch

Applaus für die Helfer in der Krise: Nachbarn im Markwald (links) und im Franzosenviertel zeigen ihre Solidarität. Fotos: m/p
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Applaus für die Helfer in der Krise: Nachbarn im Markwald (links) und im Franzosenviertel zeigen ihre Solidarität.

In Mühlheim zeigen die Einwohner ihre Solidarität mit Helfern in der Corona-Krise. 

Mühlheim – Es ist der Sound der Dankbarkeit. Ob nun durch Händeklatschen, vibrierende Stimmbänder oder stumme Plakate: An vielen Orten haben die Mühlheimer am Wochenende ihre Solidarität gegenüber den Helfern in der Corona-Krise zum Ausdruck gebracht. Ein Streifzug durch die Mühlenstadt.

Großer Einschnitt in die Gemeinschaft

Markwald, Freitagabend: Die „Wendehammer-Gemeinschaft“, wie Ilona Goldmann ihre Nachbarschaft nennt, macht es wie die Italiener, die Spanier oder viele andere Menschen in Europa: Gegen Sorgen und Frust in der Corona-Krise hilft gemeinsames Singen. Und was wäre da besser geeignet als Schillers „Ode an die Freude“, vertont in Beethovens viertem Satz der neunten Sinfonie? Pünktlich um 18 Uhr singen die Nachbarn im Nelkenweg vor ihren Haustüren „Freude schöner Götterfunken“.

Unterstützt von den Fischer-Chören, die Goldmann kurzerhand aus rausgestellten Lautsprecherboxen „mitsingen“ lässt. Anschließend klatscht die in Abstand versammelte Gemeinschaft für die Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger oder Supermarktangestellten: „Menschen, die für uns da sind.“ Der Einschnitt für die Wendehammer-Gemeinschaft ist groß, schildert die CDU-Stadtverordnete. „Wir feiern viele Feste zusammen, sind eine tolle Gemeinschaft.“

Liedtexte im Briefkasten

Wenn einer in den 22 Häusern Geburtstag habe, seien Einladungen überflüssig. „Um Punkt 11 Uhr stehen alle vor der Tür.“ Auch die gemeinsamen Spaziergänge mit den Hunden fallen aus. „Wenn man sich begegnet, hält man großen Abstand“, versichert Goldmann. Auch gebe es viele Ältere im Nelkenweg, die nicht rausgehen und Angst in der aktuellen Situation haben, „für die kaufen wir mit ein“. 

Die Liedtexte für die Aktion haben Goldmann und Biggi Höfelmann vorab in die Briefkästen geschmissen, die Verabredung fürs Singen erfolgte per Telefon. „Das wollen wir alle wieder machen“, sagt Goldmann im Namen der Wendehammer-Gemeinschaft und hofft, „dass die Krise bald ein Ende hat“.

Keyboard unterm Carport

Franzosenviertel, Freitagabend: Bereits zum zweiten Mal hat die Initiative „Nachbarn schützen Nachbarn“ das gute Verhältnis unter den Anwohnern gepflegt. Punkt 18 Uhr stehen viele an ihren Gartenzäunen, Martin Kießwetter hat sein Keyboard unterm Carport aufgebaut und verkabelt. Sonst musiziert er in der Band Helicon, nun begleitet er seine Nachbarn bei der „Ode an die Freude“ – das klingt dann viel besser als in der vergangenen Woche zum Playback vom Smartphone.

Einige stehen vor Kießwetters Grundstück – im gebührenden Abstand, versteht sich. Einer hat auf einem Schild notiert, worum es ihnen geht: „Danke den Ärzten und Pflegekräften, Polizisten und Feuerwehrleuten, Personal in Läden, LKW-Fahrern, Lehrkräften und Erziehern und allen Helfern, die sich in dieser Situation selbstlos für unsere Gesellschaft einsetzen.“ In dieser Woche fiele ihr Beifall auf Karfreitag, was nicht zum Wesen des hohen Festtags passe, da werden die Nachbarn im Franzosenviertel nicht klatschen. Aber danach wollen sie sich unbedingt wieder treffen. Vielleicht dürfe man sich ja dann auch wieder ein bisschen näherkommen ...

Aktion soll fortgesetzt werden

Mühlheim, Samstagnachmittag: Die Initiative im Franzosenviertel in der Vorwoche haben auch die Anwohner der Eberstraße mitbekommen. „Die machen das gut“, lobt Gerd Katzmann die Gemeinschaft. Er trifft sich nun auch regelmäßig im sicheren Abstand der Vorgärten mit seinen Nachbarn. „Immer samstags um 16 Uhr – bis die Krise überstanden ist.“ 

Ein bisschen musizieren, ein Schwätzen über Distanz und Applaus für die Helfer – das stecke hinter der Zusammenkunft, sagt der pensionierte Polizist. Seit Jahren pflege man eine gute Nachbarschaft, gemeinsames Grillen, Geburtstagsfeiern und seit rund zehn Jahren immer ein Sommerfest im Juni. Das falle dieses Jahr leider aus, bedauert Katzmann. „Aber auch so geht’s“, meint er. „Zumindest haben wir jetzt einen festen Tag, wir werden das weiter machen.“

Zuversicht und Vertrauen vermitteln

Mühlheim und Dietesheim, Sonntagabend: „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.“ Das Abendlied von Matthias Claudius kennen viele auswendig, haben es als Kind schon gehört. Im Hof der Friedenskirche hat sich um 19 Uhr bei noch strahlendem Sonnenschein ein Dutzend Frauen und Männer versammelt. Und am blauen Himmel über dem Gebäude ist tatsächlich der Erdtrabant klar zu erkennen.

„Balkonsingen“ im Hof: Dem Aufruf der Evangelischen Kirche sind einige Mühlheimer an der Friedenskirche gefolgt.

Die Evangelische Kirche Deutschlands hat bundesweit zum „Balkonsingen“ eingeladen, das Mühlheimer Pfarrer-Ehepaar Ralf und Martina Grombacher hat zwei Organisten gewonnen, die im Gotteshaus an der Mozartstraße und in der Gustav-Adolf-Kirche bei offenen Türen und Fenstern die weltweit bekannte Claudius-Melodie spielen. Claudius habe selbst viel Krankheit, Tod und Leid in seiner Familie erlebt und wollte mit dem Lied Zuversicht und Vertrauen vermitteln, erzählen die Grombachers.

Jens Martius stimmt an den Tasten auf der Empore in der Friedenskirche alle sieben Strophen an, in der Unnergass’ bedient Michael Reis die Königin der Instrumente. Auch dort haben sich Einzelne eingefunden. Sie begleiten ebenso die Bitte, „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden“, das laut Pfarrer Grombacher sehr gut zur Krise passe. Der kleine Kreis vor den Stufen der Friedenskirche verabschiedet sich und verspricht, beim nächsten „Balkonsingen“ wieder dabei zu sein.

VON MICHAEL PROCHNOW UND RONNY PAUL

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