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Neubürger in Lämmerspiel

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Von: Stefan Mangold

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Blick in die Geschichte: Horst Baier und seine Mitstreiter beschreiben mit ihrem Buch persönliche Schicksale Lämmerspieler Neubürger.
Blick in die Geschichte: Horst Baier und seine Mitstreiter beschreiben mit ihrem Buch persönliche Schicksale Lämmerspieler Neubürger. © man

In der Retrospektive wirken Menschen wie Statisten der Geschichte. Horst Baier erzählte nun im Gemeindezentrum von St. Lucia vor 120 Zuhörern über individuelle Schicksale jener, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Lämmerspiel eine neue Heimat fanden. Die Geschichtsgruppe gibt demnächst ein neues Buch heraus. Der Titel: „Vertriebene, Übersiedler, Flüchtlinge und Aussiedler. Zuzug von Neubürgern nach Lämmerspiel zwischen 1944 und 1960“.

Mühlheim – Baier berichtet von einem Treffen der Geschichtsgruppe im Dezember 2016, als Günter Schmitt das Thema vorschlug. Die Begeisterung habe sich in Grenzen gehalten. Gerade hatte man die Arbeit an einem Buch über Lämmerspieler Uznamen abgeschlossen, von einer Veröffentlichung jedoch abgesehen, weil das Risiko bestand, der eine oder andere könnte seinen Uznamen als despektierlich empfinden und den Klageweg beschreiten. Die Arbeit landete im Archiv. Beim nächsten Treffen war die Frustration verflogen. Schmitts Vorschlag fand bei den 16 Mitgliedern der Geschichtsgruppe Zustimmung.

In den folgenden Jahren kontaktierten unter anderem Lydia Büchs oder Adolf Fischer jene im Ort, die in der Kindheit eine Odyssee erlebten. In ein paar Wochen legen Horst Baier und die Mitstreiter Alfons Ott, Dr. Paul Roth und Michael Schmidt mit dem auch grafisch detailliert ausgearbeiteten Buch einen Einblick in den besonderen Teil der Ortshistorie vor.

Allerdings drohten der Geschichtsgruppe die nächsten Fallstricke. Baier erzählt von einem Gespräch im Rathaus mit Klaus Schäfer, dem Fachbereichsleiter für Sport und Kultur. Der riet nach der Warnung eines Juristen, das Buch erst zu veröffentlichen, nachdem man sich eine Einverständniserklärung von allen unterschreiben ließ, deren Familienname Erwähnung findet. Der Datenschutz diene als Geschäftsgrundlage von Abmahnanwälten. „Weil die Geschichtsgruppe kein Verein ist, hätte ich persönlich haften müssten“, erläutert Baier. Am Ende des Tages wollten sich von den 155 genannten Familien fünf im Buch nicht finden.

Lämmerspiel zählte 1 100 Einwohner und bot dann 520 Zugezogenen eine neue Heimat. Ein Kapitel widmet sich der Familie Rubin, die aus Danzig stammte. Der damals elfjährige Harry landete wie viele städtische Kinder seines Alters 1943 in einem Landschulheim. Laut Plan sollte das bewaffnete Passagierschiff „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 auch Harry Rubin von Danzig Richtung Westen über die Ostsee bringen. Ein sowjetischer Torpedo traf das Schiff. Bis zu 9 000 Passagiere starben. Im Spätsommer las Mutter Christa Rubin in Berlin die schrecklichste Nachricht, die Eltern erhalten können: Sohn Harry befände sich unter den Toten.

Im Januar 1946 kam Christa mit dem jüngeren Wolfgang auf dem Hauptbahnhof in Offenbach an. Ernst Rubin war in der Stadt als Funker-Soldat gestrandet und nach dem Krieg geblieben. Mutter und Sohn kamen bei Wirtsleuten auf der Rosenhöhe unter, dort erfuhren sie, dass der Gatte und Vater gerade verreist sei. Ernst Rubin befand sich auf dem Weg nach Kiel, um seinen totgeglaubten Sohn Harry abzuholen. Wegen Überbelegung hatte die „Wilhelm Gustloff“ etliche Passagiere, die auf der Liste gestanden hatten, nicht mehr aufgenommen. Ein Tross von Kindern und Betreuern war über den Landweg nach Kiel gezogen. Im Februar 1946 schickte das Landratsamt Offenbach die Rubins nach Lämmerspiel, wo sie bei der der Familie Zilg unterkamen. Die Integration gelang spätestens, als Wolfgang ab 1948 für den TSV Lämmerspiel auflief. Als 17-Jährigen ernannte der LCV Lämmerspiel den jungen Rubin zum Hofmarschall. (Stefan Mangold)

Infos: „Vertriebene, Übersiedler, Flüchtlinge und Aussiedler. Zuzug von Neubürgern nach Lämmerspiel zwischen 1944 und 1960“ wird etwa 15 Euro kosten und bis zu 115 Seiten zählen. Interessierte können das Buch bis zum 5. Oktober per Mail an ho.baier@gmail.com oder unter 06108 68393 bei Horst Baier bestellen.

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