Die Barriere zur Steinzeit

Neue Stadtwerke-Übergabestation sichert Stromversorgung

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Bürgermeister Daniel Tybussek in seiner Funktion als Stadtwerke-Aufsichtsratschef (von links), Geschäftsführer Wolfgang Kressel und Matthias Pfeffer vom Rödermärker Planungsbüro Pfeffer haben gestern die neue Übergabestation an den S-Bahn-Gleisen in Betrieb genommen.

Mühlheim - Mit der neuen Übergabestation haben die Stadtwerke gestern eins der wichtigsten Gebäude der Stadt offiziell in Betrieb genommen. Der an der Bahnlinie platzierte Ersatz für das schwächelnde Vorgängermodell sorgt dafür, dass aus Mühlheims Steckdosen Strom fließt. Eine Investition von 2,2 Millionen Euro. Von Marcus Reinsch 

Ohne das Gebäude, das die Stadtwerke in den letzten zwei Jahren im großen grünen Nichts eines Seitenarms der Anton-Dey-Straße hochgezogen haben, bräuchte Mühlheim keinen Geschichtsverein mehr. Denn dann wäre die Vergangenheit wieder Alltag. Soweit dürfte es nicht kommen. Denn die gestern offiziell in Betrieb gesetzte neue Übergabestation an den Gleisen übernimmt die Aufgabe als Mühlheims Verbindung mit dem Hochspannungsnetz der „großen, weiten Welt“, wie der Versorger es formuliert. Damit hat die seit Beginn der Testphase vor wenigen Monaten noch parallel betriebene bisherige Station am Robert-Bosch-Weg auf Sicht ausgedient. In ein, zwei Jahren, wenn auch der Rest der Kabelverlegung abgeschlossen ist, werde sie zurückgebaut und die Stadt könne eine alternative Verwendung finden für ihr anders als früher längst auch von Wohnhäusern umstandenes Grundstück, erklärt Stadtwerke-Geschäftsführer Wolfgang Kressel.

Michael Kawecki, technischer Leiter für Stromversorgung, erklärt die Funktionsweise.

Das alte Modell war einer der wesentlichen Gründe fürs neue. Es stammt aus dem Jahr 1972, und gemessen an der üblichen Lebenserwartung von Technik aus dieser Zeit hat es seine Aufgabe lange erfüllt. Doch Ersatzteile dafür – Kressel blickt da fast schon nostalgisch auf beherzte Nachbauaktionen von Oldtimerclubs – seien beim besten Willen nicht mehr aufzutreiben. „Bei der kleinsten Störung hätten wir ein ernsthaftes Problem bekommen.“ Sprich: Wäre die Ursache eines Stromausfall ein kaputtes Teil, für das der Markt kein funktionsfähiges mehr hergibt, würden Mühlheims Internetserver, Lampen, Fernseher, Herde und alles andere an Steckdosen nicht nur für Minuten oder Stunden zu nutzlosen Gehäusen mutieren. Dass Bürger einen solchen Rückfall in die Steinzeit nicht amüsant fänden, ist naheliegend. Die Abhängigkeit von Strom ist vollkommen.

Also eine „Investition in die Zukunft“, wie Bürgermeister Daniel Tybussek als Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke sagt. Etwas Modernes, das mindestens genau so lange hält. Was das betrifft, darf Mühlheim nun den Neid anderer Stromversorger in vollen Zügen genießen. Die meisten von ihnen würden um den Preis, dass ihre Techniker in beengten Verhältnissen zwischen Kabelsträngen herumkriechen müssen, zwar kleiner bauen als die Mühlheimer Stadtwerke. Doch deren 2,2-Millionen-Euro-Invstition in die Übergabestation mit mannshohem Kellergeschoss und den Dimensionen eines Einfamilienbungalows setzt in jeder Hinsicht Maßstäbe.

Das Innenleben ist von vorne bis hinten Hightech und bringe, wie ihr Planer Matthias Pfeffer vom gleichnamigen Rödermärker Planungsbüro betont, „die höchste Versorgungssicherheit, die man sich vorstellen kann“. Das gelte auch beim Schutz von Mitarbeitern im und Spaziergängern vorm Gebäude vor dem tödlichen Starkstrom. Auch, was künftige Anforderungen durch den Klimawandel und besondere Bedürfnisse etwa von Elektroautos betrifft, sei alles zukunftssicher. Das Haus ist luftisoliert und somit umweltfreundlich, weil keine klimaschädlichen Isoliergase verwendet werden. Es verfügt über digitale Regelungs- und Schutzeinrichtungen, die den Science-Fiction-Kult Star Trek alt aussehen lassen.

Weiterhin hat die Station eine Brandmeldeanlage, eine Einbruchsmeldeanlage sowie moderne Leittechnik mit einer Netzleitstelle in der Anlage und einer abgesetzten Netzleitstelle zu den Stadtwerken. Ihr Standort wurde gewählt, weil dort kein Hochwasser von der Rodau zu befürchten ist. Die Lage nahe des Zentrums erlaube trotzdem kurze Kabelwege in alle Stadtteile. Außerdem sei kein Wohngebiet von Bau und Betrieb betroffen. Planungsbeginn war bereits vor vier Jahren. Als letzter Schritt des Baus sollen nun noch die Außenanlagen hergestellt.

Wie sicher ist unsere Stromversorgung? Fragen & Antworten

Nötig ist eine Übergabestation, weil der Strom übers Fernkabel mit 110 Kilovolt in Mühlheim ankommt. Damit könnte hinter den 18.000 Mühlheimer Hausanschlüssen keiner etwas anfangen. Der dicke Saft muss also, frei übersetzt, passend gemacht werden. Erste Stufe ist das neben der neuen Übergabestation stehende Umspannwerk der ENO (Energienetze Offenbach), wo ein 40-Megawatt-Trafo die angelieferten 110 Kilovolt auf 20 heruntertransformiert. Die fließen durch zwei Einspeisekabel in die Übergabestation selbst, die sie zu den rund 90 über Mühlheim verteilten Ortsnetzstationen lotst. Von dort wird der Strom mit 400 Volt an die 29.000 Bürger und die Firmen in Mühlheim, Dietesheim und Lämmerspiel weitergereicht.

Mühlheims Stromnetz ist wie ein Gebinde von Perlenketten aufgebaut, wobei die Perlen besagte Ortsnetzstationen sind. Je nachdem, wo eine Leitung ihren Geist aufgibt, sind auch mehrere dahinter geschaltete Wohn- oder Gewerbegebiete betroffen. Dann rücken Stadtwerke-Mitarbeiter aus, lokalisieren den Fehler, graben sich im Zweifelsfall bis zum Bruch vor und reparieren ihn. In der Übergabestation selbst ist das nicht nötig, weil es sich um eine sogenannte Doppelanlage handelt. „Bei einem Kurzschluss auf der einen Seite können wir auf der anderen weiterarbeiten“, sagt Kressel.

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