Nicht eine Minute Langeweile

Projektleiter vom Verein Thiogo berichtet von sieben Wochen in Burkina Faso

Erfolgreiche Wohnungssuche: Thorsten Ehmann (von links) hat der von Thiogo geförderten Studentin Aminata Konaté eine Bleibe in einem Studentenwohnheim besorgt. Mit dabei: Carine Simboro und Madame Dao. Eine aufwendige Spülung (rechts) eines verunreinigten Tiefbrunnens in Sikoro.
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Erfolgreiche Wohnungssuche: Thorsten Ehmann (von links) hat der von Thiogo geförderten Studentin Aminata Konaté eine Bleibe in einem Studentenwohnheim besorgt. Mit dabei: Carine Simboro und Madame Dao. Eine aufwendige Spülung (rechts) eines verunreinigten Tiefbrunnens in Sikoro.

Sieben Wochen Burkina Faso: Der Diplomingenieur für Landschaftsökologie, Thorsten Ehmann, hat einiges zu erzählen. „Es war von A bis Z etwas Besonderes“, sagt der Projektleiter beim Verein mit dem etwas sperrigen Namen „Thiogo – Freundeskreis Mühlheim am Main – Nouna / Burkina Faso“.

Mühlheim – Der Verein unterstützt mit Spendengeldern die Landbevölkerung rund um die etwa 40 000 Einwohner zählende Stadt Nouna, finanziert die schulische Ausbildung bedürftiger Kinder und Jugendlicher und forciert Reparaturen sowie Restaurierungen von Trinkwasser-Tiefbrunnen im westafrikanischen Land, der, wie es übersetzt heißt, „aufrechten Menschen“. Alleine der Hinflug über Accra in die Hauptstadt Quagadougou mit PCR-Tests, Umsteigen, Wartezeiten – dazu die ersten vier Tage ohne Koffer – war für den Mühlheimer ein kleines Abenteuer.

Die Reise, die Ehmann alleine und auf eigene Kosten unternommen hat, war nicht ohne Risiko. Das Auswärtige Amt rät etwa wegen möglicher Anschläge und Entführungen von einem Aufenthalt in Burkina Faso generell ab. Die Provinz Kossi, in der auch Nouna liegt, ist gänzlich tabu. So ist Ehmann letztlich dem dringenden Rat von Freunden und einheimischen Sicherheitsexperten gefolgt und nicht in den Nordwesten Burkina Fasos gereist. „Eine schmerzhafte, aber verantwortungsvolle Entscheidung“, sagt Ehmann im Nachhinnein. Zuletzt waren Ende April zwei spanische und ein irischer Reporter von Terroristen erschossen worden. „Da schluckt man schon, wenn man das hört.“ Das mache ihn tief betroffen. Auch der Bürgermeister von Nouna, Issoufou Traore, hat Ehmann von einem Abstecher abgeraten: „Komm nicht, es ist zu gefährlich“, hat er seinem Mühlheimer Freund am Telefon gesagt.

Für Ehmann war es bereits das zweite Jahr, in dem er wegen Sicherheitsbedenken nicht nach Nouna reisen konnte, dort, wo Thiogo Projekte unterstützt und wo er viele private Verbindungen pflegt (wir berichteten).

Zunächst hat sich der 54-Jährige in Ouagadougou mit den verantwortlichen Partnern von Thiogo, Koordinator Damien Simboro sowie Techniker und Ausbilder Sekko Coulibaly, getroffen und in mehreren Arbeitssitzungen die Brunnenprojekte in der Region Nouna durchgesprochen. Auch einige Abstecher zu seinem ehemaligen Wohnort Ziniaré, 35 Kilometer von Quagadougou entfernt, hat Ehmann eingelegt und dort viele alte Bekannte getroffen. Seit er von 1995 bis 1997 dort gelebt und als Entwicklungshelfer für den Deutschen Entwicklungsdienst unter anderem an einem Aufforstungsprogramm arbeitete, ist Ehmann bis auf eine Ausnahme einmal jährlich nach Westafrika gereist – nicht als Tourist, sondern um dort zu arbeiten. „Mir war nicht eine Minute langweilig.“ Und die vier Tage ohne Koffer übrigens auch kein Problem: Ehmann hat bei Freunden in Burkina Faso immer noch einen Koffer mit Ersatzklamotten gebunkert.

Ebenfalls hat sich Ehmann mit der von Thiogo unterstützten Geschichtsstudentin Aminata Konaté auf Wohnraumsuche in Bobo Dioulasso begeben. Fündig geworden sind sie schließlich im Studentenwohnheim der Universität, der zweitgrößten Stadt des Landes. In Burkina Faso benötigen Studenten pro Jahr etwa 1000 Euro, sagt Ehmann. Geld, was die meisten Familien nicht aufbringen können. Thiogo übernimmt aktuell für Aminata Konaté und drei andere Studenten die Studiengebühren sowie Kosten für Wohnen und Essen. Dazu unterstützt der Mühlheimer Verein auch fünf Schüler von der Grundschule bis zum Gymnasium. Es gibt sogar noch die Option, einen weiteren Schüler unterstützen zu können, verrät der Projektleiter.

In den sieben Wochen hat Ehmann zudem Brunnenteile fürs Projekt gekauft, ein Ressourcenschutzprojekt besucht und sich mit dem Deutschen Botschafter in Burkina Faso, Andreas Pfaffernoschke, getroffen, der spontan 200 Euro aus seinem Portemonnaie in die Thiogo-Kasse wandern ließ. Auch hat der Mühlheimer aus mitgebrachtem Samen selbst gezogene Kräuter an Blandine Sankara weitergegeben. Die burkinische Soziologin gründete einen Verein zur Förderung der Selbstversorgung mit Biogemüse und -früchten und ist die jüngere Schwester des ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara. Dieser werde als Che Guevara Afrikas verehrt, berichtet Ehmann. „Es war spannend, wieder viele tolle Menschen kennengelernt zu haben.“

Von der Pandemie allerdings hat der 54-Jährige, der fließend französisch spricht, nicht so viel mitbekommen – seit Pandemie-Beginn meldete Burkina Faso offiziell 13 379 Corona-Infizierte bei fast 21 Millionen Einwohnern. Allerdings werde dort nicht viel getestet, merkt Ehmann an. Am Flughafen und in offiziellen Gebäuden bestehe Maskenpflicht, im Alltag allerdings nicht: Kneipen, Diskotheken, Märkte und Schulen sind geöffnet. Er habe den Alltag dort wie in früheren Zeiten erlebt und für sich den Eindruck gewonnen: „Freiheit ist nicht selbstverständlich, ich habe das neu wertschätzen gelernt und ein Stück weit auch genossen.“

Zurück in Deutschland wurden Ehmann zehn Tage Quarantäne verordnet, die er aber mit mehreren negativen Tests letztendlich verkürzen konnte. (Von Ronny Paul)

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