Ein neuer Verein will gegensteuern

Nicht nur Feuerwehrleute sind immer wieder Angriffen ausgesetzt

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Das abgerissene Flachdach im Sturm-Einsatz an Mühlheims Bahnhofstraße, bei dem es die Wehr mit einem aggressiven Passanten zu tun bekam.

Mühlheim - Kaum vorstellbar, aber Realität: Akteure von Feuerwehren und anderen Rettungs- und Hilfsinstitutionen werden bei ihren Einsätzen immer wieder angegriffen. Mit Worten, aber auch körperlich.

Die Weichensteller mit (von links) Landrat Oliver Quilling, Norbert Fischer (Vizepräsident Landesfeuerwehrverband), Sven Meder (Beisitzer), Sabrina Grab (Schriftführerin), Bürgermeister Daniel Tybussek (Mühlheim, Schatzmeister), Landtagsabgeordneter Ismail Tipi (Vorsitzender), die Ersten Stadträte und Beisitzer Gudrun Monat (Mühlheim) und Michael Möser (Obertshausen), Stadtbrandinspektor Lars Kindermann (Mühlheim, stellvertretender Vorsitzender).

Der Verein „Pro Hilfskräfte – Hände weg“ will von der Gesellschaft mehr Respekt und Anerkennung für sie einfordern. Er wurde gerade in Mühlheim gegründet, in dessen Freiwilliger Feuerwehr nach mehreren Attacken auch die Idee dafür entstand. Wirken will der Verein überparteilich und überregional. Das spiegelt sich in der Besetzung seines kommissarischen Vorstands wieder: Neben Akteuren aus hiesigen Rathäusern, Landrat Oliver Quilling und dem Landtagsabgeordneten Ismail Tipi gehört auch Norbert Fischer als Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbandes dazu. Die Weichensteller tüfteln zurzeit eine Satzung aus und bereiten den Schritt ins Vereinsregister vor. Mit Mühlheim-Redakteur Marcus Reinsch im Interview über Hintergründe und Ziele: Mühlheims Stadtbrandinspektor Lars Kindermann, der Vize-Vorsitzende.

„Pro Hilfskräfte“ – wer wollte da widersprechen außer natürlich Störern, deren Drang, ausgerechnet bei Hilfseinsätzen Krawall zu machen, höchstens Psychologen erklären können? Gerade ein Verein mit dem Zusatz „Hände weg“ im Titel entsteht ja nicht ohne konkrete Auslöser. Was ist passiert?

Das „Hände weg“ ist im Wesentlichen damit begründet, dass wir nicht nur psychischer Gewalt ausgesetzt sind, sondern auch physischer. Aktuell gab es zum Beispiel den Fall in Ottobrunn, bei dem zwei Jugendliche eine zu zwei Dritteln gefüllte Whiskyflasche auf einen Notarztwagen geschleudert haben. Sie durchschlug die Beifahrerscheibe und brach einer Notärztin den Kiefer und mehrere Zähne aus.

Erfahrungen aus Mühlheim?

Gibt es, leider. Beim Sturmeinsatz Mitte Januar dieses Jahres, als in der Bahnhofstraße ein Flachdach von einem Gebäude gerissen worden war und wir zur Klärung der Lage den Bereich Bahnhofstraße großräumig sperren mussten, hatten wir es mit einem sehr aggressiven jungen Mann zu tun. Er wollte mehrfach in den zu seiner eigenen Sicherheit eingerichteten Tabu-Bereich, beschimpfte mich als „Du Spast“. Und er folgte auch weder der Aufforderung der Polizei, sich zu beruhigen, von mir abzulassen und den Einsatzort zu verlassen noch dem nun wirklich guten Rat, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Die Polizisten geleiteten ihn dann aus dem Gefahrenbereich. Ich habe Strafanzeige erstattet, beschimpfen lassen muss ich mich nicht. Und vor einem Jahr, als bei einem schweren Verkehrsunfall ein Auto auf der Rathaustreppe landete, verließ eine Frau den Ort des Geschehens trotz mehrmaliger Aufforderung erst und nur unter Protest, nachdem sie ihre Schimpfworte losgeworden war. Das sind Erfahrungswerte, die auch meine Kameraden in anderen Städten hier im Kreis machen.

Ist angestrebt, Akteure mit an Bord zu holen, die Ursachen und Wirkungen der Ausfälle solcher Zeitgenossen und vor allem den Umgang mit ihnen vermitteln können?

Ja, das ist vorgesehen. Wir haben unter anderem vor, unsere Einsatzkräfte bei Deeskalationsschulungen auf solche Situationen vorzubereiten.

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Wie sollen sich die Leser den ja noch ganz am Anfang stehenden Verein später in Aktion vorstellen? Flugblatt- und Aufklärungsaktionen, Schulungen, Selbstverteidigungskurse, am Ende gar Begleitschutz für Helfer bei Einsätzen, auch wenn die Notwendigkeit dafür sehr traurig wäre?

Unser Verein wird sich für mehr Respekt der Gesellschaft den Rettern gegenüber einsetzen. Für das Bewusstsein, dass wir das tun, um Menschen zu helfen und nicht, um Unbeteiligte zu ärgern. Das läuft natürlich auf Flugblätter hinaus und auf andere Aufklärungsoffensiven. Gewollt ist beispielsweise auch die Teilnahme an Veranstaltungen mit viel Öffentlichkeitswirkung. Bei der Hessischen Polizeischau etwa, beim Tag der offenen Tür von Rettungs- und Hilfsorganisationen, beim Hessentag.

Der Verein beschränkt sich bewusst nicht auf Feuerwehrleute alleine, sondern auf die ganze Bandbreite von Rettern. Also auch Sanitäter und Polizisten, die nicht nur an Gewässern wichtige DLRG, die beim manroland-Brand vergangene Woche die Feuerwehrleute mit Verpflegung unterstützte, und Technisches Hilfswerk. Welche Kontakte stellt der durch seine Besetzung mit vielen schon kraft Amtes gut vernetzten Offiziellen ja durchaus schlagkräftige Vorstand da her?

Wir sind noch sehr feuerwehraffin aufgestellt, weil hier die Idee geboren wurde. Aber das soll natürlich aufgebrochen werden. Wir versprechen uns Mitglieder und vor allem Aktive aus allen Bereichen des Rettungswesens. Und wir legen sehr viel Wert darauf, dass wir als überparteilicher Verein auch Bürgermeister und Stadträte an Bord holen. Nicht zuletzt, weil zum Beispiel die Freiwilligen Feuerwehren zu ihren Pflichtaufgaben gehören und sich so Ohren für berechtigte Anliegen auf dem kleinen Dienstweg öffnen. Ziel ist wie gesagt einfach mehr Anerkennung und Respekt. Da gibt es jetzt die unmittelbare Möglichkeit, aktiv etwas zu tun. Darüber hinaus darf unserem Verein natürlich jeder beitreten, der seine Ziele unterschreiben kann.

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