Von 100 auf Null in zwei Tagen

„Night of Light“: Mühlheims und Obertshausen Veranstaltungshäuser in roter Warnfarbe

Das Obertshausener Bürgerhaus und die Mühlheimer Willy-Brandt-Halle leuchteten als Teil der „Night of Light“ in rot. Mehr als 5000 Gebäude waren in Deutschland und den Nachbarsländern in mahnenden Farben gehüllt. Foto: Prochnow
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Das Obertshausener Bürgerhaus und die Mühlheimer Willy-Brandt-Halle leuchteten als Teil der „Night of Light“ in rot. Mehr als 5000 Gebäude waren in Deutschland und den Nachbarsländern in mahnenden Farben gehüllt.

Die Fassade der Willy-Brandt-Halle glüht blutrot, schwere Strahler werfen abgestufte Kreise im selben Farbton auf die Ebenen des Aufgangs zum Bürgerhaus. Andere Lichtkegel streifen das Laub, Disconebel macht seinen Weg gen Himmel sichtbar.

Mühlheim/Obertshausen - Bei der „Night of Light“, der „Nacht des Lichts“, wurden am Montagabend 6000 Gebäude in Mitteleuropa illuminiert, darunter drei in Mühlheim und Obertshausen.

Das Spektakel unter freiem Himmel hätte ein kunstvoll-entspanntes Treffen an einem lauen Sommerabend sein können. Wäre der Anlass nicht so ernst. „In den 29 Jahren meiner Firma hat es immer Höhen und Tiefen gegeben“, sagt Ingo Ochsenreither. „2009/10 in der Finanzkrise, zum Beispiel. Aber Corona hat voll reingehauen.“

Wie dem Mühlheimer Unternehmen „Stage Light“ geht es zurzeit vielen in der Veranstaltungsbranche: „Von 100 auf Null in zwei Tagen“ sei der Betrieb heruntergefahren worden. Seit Freitag, 13. März, können sie keine Konzerte, Theateraufführungen, Messen oder Kongresse mehr mit Licht und Ton ausstatten.

Mit rund 60 Strahlern auf Vorplatz, Dach und im Foyer haben Ochsenreither und sein Team sowie das Team der Willy-Brandt-Halle, verstärkt vom Catering vom Schanz, den markanten Bau sprichwörtlich in ein neues Licht getaucht. Die dreidimensionale Farb-Architektur lässt sich besonders gut von der höher liegenden Dietesheimer Straße erkennen.

Auch Martin Deiß, Geschäftsführer der Bürgerhaus GmbH, ist von den radikalen Absagen betroffen. „Die Willy-Brandt-Halle bleibt vorerst bis Ende August geschlossen“, sagt er. Eine Ausnahme bilden die Sitzungen der Stadtverordneten. „Ich habe mit meiner Tochter 100 Schilder laminiert, die die Politiker auf das Hygienekonzept und die Wegführung hinweisen.“ Ab September will Deiß die Versammlungsstätte wieder hochfahren, doch wegen des geltenden Abstandsgebots können maximal 100 Personen rein. Die „Night of Light“ lockt fast 40 Mühlheimer heraus. Etwa doppelt so viele Autofahrer stoppen und nehmen das Kunstwerk von der Haltestelle aus in Augenschein, beobachtet Deiß.

Kleine Events könnten sie schon wieder ausstatten, konkretisiert Ochsenreither. Bei den erlaubten 250 Besuchern komme jedoch niemand auf seine Kosten. Die Branche wünsche sich eine Begrenzung auf 500. „Das Schlimme ist, wir wissen nicht, wie lange die Durststrecke andauert“, sagt der Geschäftsmann. Mit staatlichen Hilfen könne er nur kurzfristig die laufenden Betriebskosten decken.

„Aber damit hat meine Familie noch nichts zu essen, ich kann meinen Kindern kein Eis kaufen“, sagt Andreas Hümmer. Der Chef von „Sounds of Reality“ in Obertshausen strahlt mit seiner Mannschaft das Bürgerhaus Hausen an, mit der weißen Verkleidung der Pfeiler und den hellen Jalousien ein dankbares Objekt. Drehende Kugeln wandern scheinbar über die Glasfront, auf dem Platz tanzt ein Pärchen Salsa.

Eigentlich würde Hümmer jetzt eine Techno-Nacht in Erlenbach gestalten. Auch Straßenfeste, Vorstellungen des Offenbacher Theaterclubs Elmar sowie in Mühlheim standen auf seinem Terminplan. Stattdessen verbreitet er Auftritte von Tom Jet, Discjockeys und Comedians per Live-Stream – was allerdings keinem der Beteiligten viel einbringt.

Vor Obertshausens „Gut’ Stub’“ wie auch vorm Rathaus Beethovenstraße hat sich eine gesellige Runde aus Vereinsvertretern, Kommunalpolitikern und jungen Leuten eingefunden. Über ein Display laufen die Informationen über die Lage der Betroffenen und der Mutmacher „Zusammen sind wir stark“.

„Ich lebe von meinen Rücklagen“, sagt Daniel Mohr von „Mohr Solutions“. Mit diesem Geld würde er in normalen Zeiten mit aktueller Technik aufrüsten. Mit den Kollegen von Wild Produktion und 50 LED-Leuchtkörpern verdeutlicht er, dass die Politik den drittgrößten Wirtschaftszweig der Republik im Stich lasse. Die Aktion, die auch in Nachbarländern, selbst in Los Angeles laufe, nennt Mohr „einzigartig und traurig“.

Von Michael Prochnow

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