Noch immer giftige Altlasten

Bruno Schmück vom Geschichtsverein erzählt von der Geschichte der ehemaligen Pelzfabrik in Dietesheim

Bevor am Rande der Steinbrüche Pelze verarbeitet wurden, nutzten andere Firmen die Fabrik bereits zur Herstellung von Leder. 
 
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Bevor am Rande der Steinbrüche Pelze verarbeitet wurden, nutzten andere Firmen die Fabrik bereits zur Herstellung von Leder. repro: man

Dietesheim stand einst nicht nur für den Abbau von Basalt. Auch die Lederindustrie spielte eine wichtige Rolle. Giftige Altlasten gibt es immer noch. Bruno Schmück, im Geschichtsverein Spezialist für Technik und Industrie, recherchierte die Historie der ehemaligen Pelzfabrik am Rande der Steinbrüche.

Mühlheim – Deren Ursprung hängt mit dem Basalt zusammen. „Den Anfang setzten Immel & Imgram 1920“, erzählt Schmück. Karl Immel fragte im Rathaus an, ob es möglich sei, in Mühlheim ein Grundstück zu erwerben. Die Angebote überzeugten die Unternehmer nicht. Der Blick fiel deshalb auf Dietesheim, wo sich Heinrich Imgram im Basaltabbau engagierte. Ihm gehörte die 1900 gebaute Werksimmobilie am Rande der Steinbrüche. Hier begannen Immel & Imgram 1922 mit der Produktion.

Die Arbeiter gerbten mit dem Kalium-Aluminium-Salz Alaune Ziegenhaut für Handschuhe und Fensterleder. Ein paar Jahre später legte der Offenbacher Lederfabrikant Oswald Rügner ein Angebot vor, das die beiden nicht ablehnen wollten. Dem Lederfabrikanten reichte sein Standort am Offenbacher Landgrafenring nicht mehr aus. Rügner übernahm 1929 Immel & Imgram und eröffnete in Dietesheim eine Dependance.

Von der Ziege stellte Rügner auf exotisches Getier um. In Dietesheim entstand eine Haifisch-Abteilung. Der Offenbacher beschäftigte in Hamburg Fischer, die auf dem firmeneigenen Kutter „Äquator“ Grönlandhaie jagten. Auf Oberdeck verloren die Fische ihre Haut und die Innereien, aus denen sich Tran gewinnen ließ. Der Kopf landete wieder im Wasser.

Durch die Arbeit für Rügener verließ ein junger Dietesheimer zu einer Zeit die Heimat, als die Leute den Begriff Urlaub fast nur im Kontext mit „Front“ kannten. Man besuchte vielleicht mal Verwandtschaft im Spessart, weiter ging es selten weg. Den 1915 geborenen Heiner Hein zog es zur Reptilienfangstation Muansa ins heutige Tansania, das zwischen 1885 und 1918 zu Deutsch-Ostafrika gehörte, ehe es an Großbritannien fiel. Der 22-jährige Elektriker musste seinem Arbeitgeber möglichst viele tote Krokodile schicken.

Nach dem Krieg ließ Oswald Rügner seine Zweigstelle Dietesheim brach liegen. 1948 übernahm der ehemalige Frankfurter IHK-Vorsitzende Dr. Fritz Mertens, der nicht mehr auf Haifische und Reptilien setzte, sondern auf die Veredelung von Pelzen. Der Mann beschäftige etwa 40 Angestellte. Der Hammer fiel Anfang der 80er-Jahre, als die Thorer & Co. GmbH aus Offenbach übernahmen. „Die hatten nie die Absicht, in Dietesheim zu produzieren“, sagt Schmück. Thorer ging es darum, Maschinen zu demontieren, um damit im Ausland zu produzieren. Letztlich half das der Gesellschaft nicht, die 1994 Konkurs anmeldete.

Später gelang es Schmück und dem Geschichtsverein, die „KulturRegion Frankfurt RheinMain gGmb“ zu bewegen, die ehemalige Pelzfabrik Dr. Mertens in die „Route der Industriekultur Rhein-Main“ aufzunehmen. 2004 hatte sich Schmück einen Gabelstapler ausgeliehen. Aus dem hinteren Teil der Fabrik fuhr er Maschinen in den vorderen, für die sich Thorer nicht interessiert hatte. In dem Raum sollte die Kernzelle einer Ausstellung mit dem Titel „Dietesheimer Lederindustrie“ entstehen. Bei der Stadt stellte Schmück mit Rückendeckung der KulturRegion Frankfurt und des Landesamts für Denkmalpflege einen Antrag auf Nutzungsänderung. Schmück erinnert sich, dass Bauamtsleiter Reinhard Langendorf und der damalige Bürgermeister Bernd Müller nach einer viertel Stunde Ortsbegehung erklärten, „das kann nur der Eigentümer“.

Es gibt einen. Schmück nennt den Namen einer Privatperson aus Rodgau. Die für Altlastensanierung zuständige HIM GmbH aus Biebesheim schreibt in ihrem Jahresbericht 2019, „in 1997 durchgeführte Erkundungen zeigten eine erhebliche Belastung von Boden, Grundwasser und Bodenluft mit LHKW und Mineralölkohlenwasserstoffen sowie mit Schwermetallen“. Ein Großteil erledigt die HIM GmbH. Aber noch lange ist nicht alles gut: „Detailuntersuchungen ergaben ein sehr hohes, von Teilen der Gebäudesubstanz ausgehendes Gefährdungspotenzial.“ Schmück konstatiert: „Die Entsorgung der Gifte bezahlt das Land.“ (Stefan Mangold)

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