„Gerdas kleine Weltbühne“

Travestie-Theater in der Corona-Krise: „Es nutzt alles nichts, wir sind abgestraft wie die Gastronomie“

„Es gäbe uns nicht, wenn wir’s nicht gut machten“: Jürgen Peusch alias Jutta P. hofft, bald wieder „Gerdas kleine Weltbühne“ öffnen zu dürfen.
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„Es gäbe uns nicht, wenn wir’s nicht gut machten“: Jürgen Peusch alias Jutta P. hofft, bald wieder „Gerdas kleine Weltbühne“ öffnen zu dürfen.

Das große Tor vor den Stufen zu Gerdas kleiner Weltbühne ist seit Wochen coronabedingt geschlossen, die im Las-Vegas-Stil leuchtenden Buchstaben überm Tor erloschen. Jutta P. ist nur noch Jürgen Peusch – und enttäuscht.

Mühlheim – Ab und zu kommt er mit einer kleinen Aktentasche und sieht nach dem Rechten. Die Autogrammkarten an den Wänden wecken Erinnerungen an vergnügte Runden vor den Vorstellungen. Doch die gemütliche Caféhaus-Atmosphäre musste wegen Corona hochbeinigen Bistro-Stehtischen weichen. UV-C-Lampen, die Keime killen, sind installiert, „damit ich mich wohlfühle“, erläutert Peusch, der die erste Adresse der schrillen Unterhaltung seit drei Jahren alleine führt. Weil Urgestein „Gerda“, Gerd Stein, im Rollstuhl sitzt und nur noch selten im Rampenlicht steht.

Corona in Mühlheim: „Es nutzt alles nichts, wir sind abgestraft wie die Gastronomie“

Mit seinem festangestellten Mitarbeiter und den Mini-Jobbern hat sich Peusch „richtig Arbeit gemacht“ und Corona-Hygienekonzepte umgesetzt: „Nur jede zweite Reihe war mit höchstens fünf Zuschauern besetzt, es gibt nirgends Stau“, versichert der Tausendsassa, doch, „es nutzt alles nichts, wir sind abgestraft wie die Gastronomie“. Aufgeben kommt für den 60-Jährigen nicht in Frage, „kein Künstler will loslassen, und ich hab’ noch viel zu viele Ideen“.

Die „Schlagerette“ hatte Anfang März Premiere und ist gerade einmal zwei Wochen gelaufen, „dann haben sie uns ins Koma gelegt“. Im Sommer kam die Drei-Quadratmeter-Regel raus, ab Oktober hieß es 1,50 Meter Abstand, da konnten wenigstens 35 bis 40 Gäste rein. Die letzte Vorstellung lief mit Masken im Publikum, seitdem künden nur noch Plakate draußen vom Solo-Programm.

Mühlheim – Jutta P. zur Corona-Krise: „Jetzt müssen die Leut’ RTL gucken“

Dabei steht „die Jutta“ zwei Stunden allein auf der Bühne, „babbelt, singt und beglückt die Leut’“, schwärmt er. Das sei gut gelaufen, habe Spaß gemacht und lasse die Menschen träumen. „Jetzt müssen die Leut’ RTL gucken.“ Die Weltbühne, Träger des Verdienstordens „De’ lachende Frankforter“ und des Kulturpreises der Stadt Mühlheim, residiert seit 16 Jahren in der Willy-Brandt-Halle. „Mit der Miete hab’ ich mich mit der Stadt arrangiert“, zeigt sich der Alleinunterhalter dankbar. „Aber heizen muss ich, die Umlagen laufen weiter, der Angestellte ist in Kurzarbeit.“

Er ist sich mit Blick auf die Corona-Pandemie sicher: „Bis Weihnachten bleibt’s ruhig, Silvester gibt’s kein Feuerwerk, Fastnacht ist schon abgesagt, Rosa Wölkchen läuft höchstens im Studio.“ Peusch meint: „Aber irgendwann müssen sie die Bestimmungen lockern, die Leute wieder normal leben lassen.“ Mit seinen 60 Lenzen sei er „noch einen Ticken besser, man lernt dazu, man wird souveräner“. Die Gerda stand immer vorne, blickt Peusch zurück. „Das war schwer, als sie nicht mehr im Programm war.“ Umso mehr freut es, „dass die Leute mich akzeptiert haben“.

Jutta P.: „Es gäbe uns nicht, wenn wir’s nicht gut machten“

Der Solist trage jetzt allein die Verantwortung, verwirkliche eigene Ideen und beherrsche die Technik, die vor der Show programmiert werden müsse. „Früher waren wir einmalig, exotisch, es war eine Mutprobe, zu uns zu kommen. Heute sind wir Teil eines professionellen Angebots, der Kitzel des fast Verbotenen ist vorbei, dafür haben wir sehr lange gekämpft.“ Er hofft, dass sich der rote Samtvorhang bald wieder öffnet und er im Paillettenkleid im Scheinwerferlicht steht: „Es gäbe uns nicht, wenn wir’s nicht gut machten“, meint Peusch. (Michael Prochnow)

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