Individualisten fahren vor

Käferteffen: Nostalgisch normal

Mühlheim - Bestimmte Gruppen zieht es zu bestimmten Marken. Die Intellektuellen vergangener Jahrzehnte rauchten Gauloises oder Roth-Händle, während Beamte sich gerne eine HB anzündeten und Bauarbeiter den Rauch von Reval inhalierten. Klischees, an denen eine Menge dran war. Von Stefan Mangold

Ähnliches gilt für Autos. Der Gymnasiallehrer mit der Fächerkombination Geschichte und Französisch fährt Citroën und wählt rot oder grün. In einen Audi steigt der Diplomkaufmann, der in der Wahlkabine schwarz oder gelb ankreuzt. Und welcher Typ fuhr früher einen VW-Käfer, welcher besitzt heute einen?.

Von heute bis Sonntag ließe sich auf der Riesenwiese hinterm Sportzentrum an der Anton-Dey-Straße bequem eine Umfrage durchziehen. Die Mühlheimer Käferfreunde rufen zu ihrem 15. Käfertreffen. Der Verein selbst feiert in diesem Jahr schon seinen 25. Geburtstag.

Fährt nach 41 Jahren einwandfrei

Seit der Gründung kennt der Club nur einen Vorsitzenden: Rainer Zickert (57) kam als Jugendlicher durch seinen Bruder auf den Geschmack. Im gefiel es, wie der sieben Jahre ältere Achim an seinem Käfer die Ersatzteile wechselte, „die alle nicht viel kosteten“. Weil es damals Käfer wie Sand am Meer gab - „die Schrottplätze lagen voll davon“. Heute besitzt Zickert einen Käfer, der im Jahr der Olympischen Spiele von München in Wolfsburg vom Band lief „und nach 41 Jahren einwandfrei fährt, weil ich ihn warte und pflege“.

VW Käfer Treffen in Mühlheim

Oldtimer und vor allem VW Käfer gab es beim Treffen der Käferfreunde Mühlheim zu bestaunen. Im Rennen des Motorsportclubs konnten Fahrer zeigen, was in ihren Autos steckt.

Zum Video

Womit Marcus Jung seine Arbeitstage verbringt, der Inhaber der Werkstatt in Mühlheim, die sich Käfer-Station nennt. Er repariert und restauriert Fahrzeuge aus ganz Deutschland. Was den 46-jährigen qualifiziert, den Käfer-Fahrer an sich zu charakterisieren, zu wissen, welchem Beruf der nachgeht und welche politische Partei er lieber wählt als andere. Im Gegensatz zur Ente von Citroën gelte für den Käfer eindeutig: „Den typischen Fahrer, den gibt es nicht.“ Früher seien linksbewegte Studenten und konservativ gestimmte Landwirte mit einem Käfer gefahren. Damit habe sich jeder überall blicken lassen können, „das war ein neutrales Auto“. Heute zählen Immobilienmakler und Ärzte zu den Kunden der Käfer-Station, aber auch der Waldarbeiter, der sein quasi antikes Auto nutzt, um Holzschnitt zu transportieren.

Volkswagentyp bestimmte das Straßenbild

„Käfer waren etwas Normales“, erinnert sich Jung. Der Volkswagentyp bestimmte das Straßenbild. Für ihn als Bub sei das runde Gefährt jedoch außergewöhnlich gewesen. Das erste Auto der Familie war ein Käfer, „weil der relativ billig war. Neuwagen kosteten zwischen fünf- und sechstausend Mark“. Zwei Jahre später zürnte der kleine Marcus den Eltern, „weil die jetzt mehr verdienten und sich ein anders Auto leisten konnten“. Der Käfer verschwand. Was Marcus dazu trieb, schon mit 15 Jahren von seinem gesparten Taschengeld einen gebrauchten zu kaufen, den er wieder in die Gänge schraubte und immer noch besitzt.

Marcus Jung ist mit einem Stand seiner Werkstatt auf dem Käfertreffen, bei dem auch VW-Busse und andere Oldtimer willkommen sind. Heute geht es mit der Zeltdisco los. Morgen sind Beschleunigungsrennen. Je zwei Fahrzeuge treten gegeneinander an. Die ersten drei bekommen Pokale. Ebenso wie der älteste Teilnehmer, das älteste und das schönste Auto des Treffens. Durstig und hungrig muss niemand bleiben, „für alles ist gesorgt“. Auch für einen Teilemarkt.

Woody Allen schrieb mal in ein Drehbuch, Komödie sei Tragödie plus Zeit. Fürs Käfertreffen gilt die Metamorphose der Normalität zur Nostalgie.

Dieser VW Käfer ist märchenhaft

Dieser VW Käfer ist märchenhaft

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare