Gloriawasser und Kamel, das lacht

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Im Pfarrhaus von St. Markus an der Bleichstraße konnten die Teilnehmer am Ökumenischen Krippenweg einen schwäbischen Krippenberg bewundern, den Pfarrern Schmitt-Helfferich erläuterte.

Mühlheim - Während der gemeine Mühlenstädter zu dieser Stunde durch die Bahnhofstraße eilt oder sich die Beine vor einer Supermarkt-Kasse in den Bauch steht, verharren zwei Dutzend Männer und Frauen in Andacht vor einem Bretterverschlag. Von Michael Prochnow

Sie sind der Faszination des Kindes im Stroh erlegen, der Heiligen Schrift, aber auch der biblischen Figuren und Unterkünfte, die Künstler aus Holz und Ton geschaffen haben. Bernd Klotz vom Ökumenekreis Mühlheim führt zu ungewohnter Stunde am Samstagvormittag an fünf Krippen in vier Gemeinden in Stadtgebiet. Erste Station ist die St. Markus-Kirche. Wie an den folgenden Orten tragen Klotz oder Dekan Pfarrer Johannes Schmitt-Helfferich Verse eines Evangelisten vor, der die Erscheinung des Herrn beschreibt. Der Übertrag in die moderne Welt erfolgt mit einer Meditation oder einem kritischen Text. Franz Kamphaus beispielsweise, langjähriger Bischof in Limburg, hinterfragt, ob die Hirten mit ihrem schlechten Ruf geeignet sind, die Information von der Geburt Jesu Christi rüberzubringen. Doch es gehe nicht um geschliffene Formulierungen, „Worte reichen nicht aus, die große Freude zu beschreiben“.

Anschaulich wird die Szenerie in der Pfarrkirche durch 100 Jahre alte Schnitzkunst. Die Positionen der Personen und Tiere würden mit dem Fortgang der Weihnachtszeit verändert, erläutert der Seelsorger und bezeichnet den Aufbau wie auch die Version in seinem Wohnzimmer als Krippenaltar. Im Pfarrhaus dürfen die Interessierten einen schwäbischen Krippenberg bewundern, eine so genannte Simultankrippe: Mehrere Ereignisse werden übereinander angeordnet dargestellt. Sie reichen von der Vertreibung Adam und Evas aus dem Paradies über den Kindermord des Herodes bis zum Wächter auf der Zinne und dem Aufmarsch der Weisen.

Über allem thront das himmlische Jerusalem, nach dem Propheten Jesaja der „höchste Berg, zu dem alle Völker strömen“. Das Jesuskind in seiner Krippe steht in dem üppigen Werk mit zahllosen Figuren ganz unten. Die Gestalten stammen von Kunstschaffenden aus Langenleiden und Bischofsheim in der Rhön. Und nach süddeutschem Brauch, erläutert der Pfarrer, werden nach dem Krippenbesuch „Gloriawasser“ und Pfirsichschnaps ausgeschenkt.

Nächstes Jahr kommt der Ökumenekreis nach Offenbach

In der Friedenskirche wird die Gruppe von Wolf-Dietrich Wildegans per Handschlag begrüßt. Er ist gewissermaßen Hausmeister einer schlichten Hütte mit überschaubarer Belegung. Den Grund für die bescheidene Pension liefert das Lukas-Evangelium: Kaiser Augustus erließ den Befehl, dass sich alle in Steuerlisten eintragen ließen. Josef musste mit der hochschwangeren Maria in einen Stall ausweichen, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“. Der Theologe Karl Rahner meint, „Gott hat sein letztes, tiefstes, schönstes Wort in die Welt hinein gesagt: Ich liebe dich, du Welt, du Mensch“.

Vor 14 Jahren habe die Frauenhilfe der Gemeinde eine Künstlerin aus dem Odenwald beauftragt, die gütige Gesichter aus Ton geformt hat. Dazu habe er einen Stall gezimmert, erzählt Wildegans, die Beleuchtung erhelle den Mittelpunkt, das Kind in der Futterkrippe. In St. Maximilian Kolbe haben sie ebenfalls erst vor Kurzem einen Unterstand gezimmert. Viele Jahre lang hat es in der Markwald-Kirche gar keine Krippe gegeben, dann kam den Katholiken die Sammelleidenschaft ihres Pfarrers zugute. Zuerst stand da nur „das Kamel, das lacht“, jetzt hegt Küsterin Marita Oehm lebensnah nachgebildete Holzfiguren, Rind und Esel zwischen Weihnachtsstern und Zweigen.

Zum Abschluss des Krippenwegs wartete in der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde eine Krippe im oberbayerischen Stil.

Die Texte erinnern an Josef, der sich von Maria trennen will, weil sich ein Kind erwartet, aber eben nicht von ihm. Ein Engel hat bekanntlich die Ehe gerettet. Der auf ein Dutzend Betrachter geschrumpfte Kreis an Radfahrern und Spaziergängern betet für die Familie als „leuchtendes Vorbild“ für ein einträchtiges Miteinander. Unter dem Dach der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde geht es dann um die Sterndeuter aus dem Matthäus-Evangelium. Sie sollen Herodes informieren, lassen ihn aber links liegen und huldigen dem Kind. Das strampelt an dem Ort inmitten der Natur in einer barocken, oberbayerischen Kulisse aus Darstellern barocken Stils in einer detailverliebten Berghütte. Mit der Einweihung des Zentrums vor mehr als 25 Jahren hätten die Senioren begonnen, für die kostbaren Figuren zu sammeln, berichtet Joachim Strauch. „Zuletzt haben wir den Esel bekommen“, lächelt der Mann vom Kirchenvorstand. Nach zweimal in Mühlheim und einmal in Frankfurt plant der Ökumenekreis, nächstes Jahr Krippen in Offenbach anzuschauen.

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