„Lämmerspieler Rundweg“

An den Orten der Kindheit

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Die Grafik zeigt Verlauf und künftige Stationen des Lämmerspieler Rundwegs, der kleine Ausschnitt links den Start- und Zielpunkt auf dem Parkplatz des Friedhofs an der Steinheimer Straße.

Mühlheim - Lange haben sich engagierte Bürger um den „Lämmerspieler Rundweg“ bemüht. Er wird über historische Pfade durch das Gebiet am Gailenberg führen. Dafür mussten Genehmigungen her und Humus weg. Von Stefan Mangold 

Fertig sein soll die mit einem roten „L“ und Erklärungen zu Geschichte und Natur flankierte Route samt lohnender Stationen im Mai. Als Spazierweg bietet sie sich jetzt schon an.

Vom Waldparkplatz an der Steinheimer Straße zeigt Horst Baier auf den Anfang des Lämmerspieler Rundwegs. Er wird gerade wiederbelebt. Zum Glück nicht mit allen Aspekten. In früheren Jahrhunderten dürfte es hier zum einen oder anderen Überfall gekommen sein. Baier verweist auf die Handelsroute von Aschaffenburg zum Main, die über den Gailenberg nach Dietesheim führte.

Der 69-jährige erzählt von der über drei Jahre dauernden Arbeit des Quartetts aus Bernd Schwerzel, der dem Obst- und Gartenbauverein Lämmerspiel angehört, sowie Günter Schmitt, Alfons Ott und ihm selbst von der Geschichtsgruppe Lämmerspiel. Etliche Sitzungen verbrachten sie mit Vertretern der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, des Naturschutzbundes NABU, des Vogelzucht- und Schutzvereins und der IG Weinbau, um den Rundweg zurück zu holen. Bei der Unteren Naturschutzbehörde mussten sie den Antrag stellen, die Meter bis zur Steinkautenbrücke wieder in Schuss bringen zu dürfen.

Gemeint ist der Wingertsweg. Den nahmen einst die Bauern zum Weinanbaugebiet auf dem Gailenberg. Von 1570 bis 1630 herrschte aber eine ungewöhnlich kalte Phase, die als Periode der „Kleinen Eiszeit“ in die Geschichte einging. Außerdem begann anno 1618 der Dreißigjährige Krieg – Gift fürs normale Leben. Der Mainzer Bischof verfügte schließlich wegen der Hungersnöte, auf dem Gailenberg Äpfel und Pflaumen statt Trauben anzubauen.

Vom Wingertsweg führt der Rundweg den Pfaffenwiesenweg hoch, über den asphaltierten Ernteweg zum Weinberg, zur Sanddüne, vom NABU-Bienenhotel zum alten Steinheimer Galgen, über das Naturdenkmal Siebeneichen zum Steinheimer Steinbruch und von dort parallel zur Steinheimer Straße wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Als in den Sechzigerjahren an der Gemarkungsgrenze die geteerte Zufahrt zum Gailenberg entstand, stellten Jäger erfolgreich den Antrag, den Wingertsweg verwildern zu lassen. „Die Leute benutzten ihn aber einfach weiter“, sagt Baier.

Mit der Zeit wandelte sich der Weg in einen schmalen Pfad. Es bildete sich eine 15 Zentimeter dicke Humusschicht. Ein Grund, warum die Genehmigung anderthalb Jahre auf sich warten ließ. Im Gegenzug für den nun abgetragenen Humus musste sich die Stadt verpflichten, auf dem Gailenberg weitere 28 Obstbäume pflanzen zu lassen. Kein echtes Opfer, ganz im Gegenteil.

Horst Baier erzählt, wie er beim Probegraben alten Schotter auf dem Weg fand. Über den fuhren einst die Lämmerspieler mit dem Leiterwagen zur Steinkaute. Aus den Steinen dort entstand auch die alte Kirche von St. Lucia. Das einzige Lämmerspieler Gebäude, das bis heute von der Waldstelle optisch Zeugnis gibt, ist der Käseladen, „drinnen sieht man die von hier stammenden Steine“.

Die Steinkaute und die Brücke dienten den Lämmerspieler Kindern als Spielplatz. Lange bevor es Mountainbikes gab, fuhr man hier mit Rädern ohne Gangschaltung Cross-Strecken.

Schnee fiel in der Nachkriegszeit zwar verlässlicher als heutzutage. Doch zum Schlittenfahren gibt es idealere Orte als Lämmerspiel. Als einzige Piste kam der Hang in der Steinkaute in Frage. Steil, aber kurz. Dennoch ließ sich aus der Abfahrt ein Wettbewerb konstruieren: „Ziel war es, bis zum Wasser zu kommen.“ Gemeint ist die Quelle, die sich mittlerweile unter die Brücke verschoben hat.

Baier erzählt, bei der Probe eines Instituts habe sich herausgestellt, dass es mit der Qualität von Heilwasser aus dem Boden sprudelt. Mit dem Trinken sollte man trotzdem vorsichtig sein. Im Sichtschutz der Brücke entleert sich hier mancher.

Die Motivation für den „Lämmerspieler Rundweg“ entsprang vor allem den Erinnerungen der Protagonisten an ihre Kindheit und Jugend, „sonntags ging es nach dem Kirchgang über den Gailenberg zum früheren Gartenlokal ,Blechhütte‘ am Steinheimer Steinbruch. Nach dem Ende der langen Planung musste die Streckenführung wegen Eigentümerrechten gerade noch einmal verschoben werden.

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