Dietesheims VdK feiert seinen 70. Geburtstag

Pfadfinder im Gesetzbuch

Macherinnen der VdK Dietesheim (von links): Hedwig Benner, Maria Gallenbacher, Irene Zimmermann (sitzend) und Marianne Kuchenbrod.

Mühlheim - Wer über keine Lobby verfügt, kann noch so berechtigte Interessen haben – letztlich bleibt er mit seiner Not im Regen stehen. Dietesheims Ableger des Sozialverbands VdK hilft, das zu verhindern. Er feiert an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag. Von Stefan Mangold

Im Gegensatz zu vielen Vereinigungen muss er keinen Mitgliederschwund beklagen.

Dass der Mitgliederstand des VdK anders als bei vielen anderen Vereinen und Verbänden in die Höhe schießt, liegt im Grunde vor allem an einer sehr deutschen Gemeinheit: Die Sozialgesetzgebung, ureigenes Terrain des Sozialverbands, ist bisweilen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie verstehen zu müssen, weil ihre Bestimmungen unmittelbaren Einfluss auf Leben und Finanzen vor allem älterer Bürger haben, überfordert selbst jüngere Angehörige oft. „Da geht es etwa um die Anerkennung von chronischen Krankheiten durch das Versorgungsamt“, erklärt Irene Zimmermann, die vor einem Jahr zum zweiten Mal den Vorsitz des Dietesheimer VdK übernahm.

Das Kürzel VdK stand einst für den ellenlangen „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“. Sein Bundesverband gründete sich 1950, der Hessische Landesverband schon im Dezember 1946, damals unter dem Namen „Verband der Körperbehinderten, Arbeits-invaliden und Hinterbliebenen für Groß-Hessen (Selbsthilfeorganisation)“. Damals ging es vor allem um die Belange junger Männer, die mit einem Körperteil zu wenig aus dem Krieg kamen und nicht wussten, wie es weiter gehen soll. Dann gab es die Frauen der Gefallenen, die zusehen mussten, sich und die Kinder irgendwie über die Runden zu bringen.

In diesen Tagen erst besuchte der aktuelle Vorstand die Gräber von Gründungsmitgliedern des VdK Dietesheim. Auch die letzte Ruhestätte von Rosel Schmitt. Von ihr berichtet Irene Zimmermann, dass „die Rosel als erste Frau das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam“.

Die Vorsitzende spricht über die eigene Motivation, dem VdK beizutreten, erwähnt ihr Asthma und massive Herzprobleme. Im Heute ist die Pflegeversicherung ein wichtiges Thema des Vereins. Was die Einstufung durch den medizinischen Dienst betrifft, wundern sich immer wieder Angehörige. Sie verstehen zuweilen die Welt nicht mehr, wenn der Ehemann nur noch mit Katheter im Bett liegt, kein verständliches Wort mehr spricht und die Gattin ihn füttern muss, die Prüfer ihn aber als halbwegs fit einstufen. In der Folge hören Gattinnen und Kinder in der Arztpraxis oder beim Bäcker oft den Tipp: „Geh doch mal zum VdK“.

„Unsere Mitglieder bekommen bis zu den Sozialgerichten Rechtsbeistand“, betont Marianne Kuchenbrod, die stellvertretende Vorsitzende. Dabei geht es nicht bloß ums Geld. Wenn jemand noch nicht einmal in die Pflegestufe eins kommt, der niedrigsten von fünf, „kann er sich nicht um einen Platz im Altersheim bewerben“. Und wenn es jemandem nach schwerer Krankheit oder Operationen wieder besser gehe, „dann springst du in der Pflegestufe so schnell wieder runter, wie du nicht gucken kannst“, weiß Irene Zimmermann.

Die Dietesheimer gründeten ihren VdK 1947. Die Feier zum 70. Geburtstag verschob sich ein wenig. Zum Vorstand gehört unter anderem die Dietesheimer Kerbmutter Hedwig Benner, als Beisitzerin zuständig für spezifische Frauenfragen. Maria Gallenbacher übt im Verein den Job aus, um den sie die wenigsten beneiden dürften: Die Frau kassiert von den 105 Mitgliedern die Beiträge von 66 Euro pro Jahr. „Soll“ und „Haben“ sind für Gallenbacher zum Glück eine Fingerübung. Jahrzehnte arbeitete sie in einem Steuerbüro.

Der VdK gilt in Dietesheim auch als Treffpunkt. Beliebt sind sowohl die Weihnachtsfeiern im Saal am Vereinssitz an der Thomas-Mann-Straße 35 als auch der Muttertag-Kaffee und der Kreppelnachmittag zur Fastnacht. Jeden zweiten Dienstag hält der VdK in seinem Büro von 16 bis 17 Uhr eine Sprechstunde ab. Viele bringen in ihrer Not unverständlich formulierte Papiere mit. Maria Gallenbacher weiß, was jedes Leben begleitet: „Von der Wiege bis zur Bare, nichts als Formulare.“

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