Vierteljahrhundert verging bis zur Weihung

Pfarrkirche St. Sebastian feiert 125. Geburtstag

+
Das Dietesheimer Gotteshaus wird 125 Jahre alt.

Mühlheim - Die Pfarrkirche von St. Sebastian im vor allem katholischen Dietesheim feiert ihren 125. Geburtstag. So ganz glatt verlief der Startschuss für das Gebäude damals nicht. Von Stefan Mangold 

Mehr als ein Vierteljahrhundert verging, bis ein Bischof den Weg aus Mainz fand, um die Kirche zu weihen. Ob ein Ort mehrheitlich der katholischen oder der evangelischen Konfession angehört, hängt mit der Frage zusammen, welchem Bischof, welchem Fürsten ein Landstrich zu welcher Zeit gehörte. Auf der anderen Mainseite trat die Aristokratie den Lutheranern bei, die Untertanen mussten folgen. Dietesheim blieb dem Vatikan treu, weil hier das Bistum Mainz das Sagen hatte. Die Pfarrkirche St. Sebastian feiert an diesem Sonntag ihren 125. Geburtstag. Udo Parakenings, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, erzählt von der Recherche in den Archiven. Den ersten Stein fürs Fundament des neogotischen Gotteshauses mit den schmalen Bogenfenstern legten die Gemeindemitglieder am 10. März 1891 um 11.50 Uhr. Die Benediktion stand für den 11. Juni 1893 auf dem Programm, sprich: Der Bischof weiht die Kirche ein. Doch daraus wurde nichts. Zuerst ging es Bischof Paul Leopold Haffner gesundheitlich schlecht. Die sogenannte Konsekration, mit der etwas Weltliches einen sakralen Charakter bekommen soll, fiel ebenfalls aus. Die Zeremonie sollte am 22. September 1897 erfolgen, einem Mittwoch. Die Mehrheit der Gemeinde murrte ob des gewöhnlichen Wochentags und verlangte einen Sonntag. Den bekam St. Sebastian dann auch. Aber erst knapp 30 Jahre später, am 12. September 1926. „Als es zur Weihung durch Bischof Ludwig Maria Hugo kam, war die erste Renovierung gerade abgeschlossen“, weiß Parakenings. Biologisch ist es denkbar, dass hier drei Generationen einer Familie in einer nicht geweihten Kirche den Kopf über das Taufbecken gehalten bekamen. Den meisten Dietesheimer Katholiken dürfte das ziemlich egal gewesen sein. Die Kirche erfüllte schließlich ihre Funktion.

Udo Parakenings, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, erzählt, wie die erste Renovierung schon herum war, als ein Bischof den Weg von Mainz nach Dietesheim fand.

Renovierungen gab es im Laufe der Geschichte immer wieder. Die letzte schloss offiziell mit dem Heiligabend 2015 ab. Aus der Portokasse lässt sich sowas nicht bezahlen. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende berichtet von einer Kreditaufnahme von 200.000 Euro, davon seien bisher 70.000 Euro durch Spenden getilgt. Rechts am Eingang hängt ein Schild mit den Namen derer, die sich in Sachen Renovierung besonders engagiert hatten. Neben Pfarrer Willi Gerd Kost, dem Hausherrn, und Udo Parakenings sind auch die Namen der Verwaltungsratsmitglieder Reinhard Ricker und Georg Sura notiert.

Allgemein kämpft die Katholische Kirche schon seit Jahren mit Austrittswellen. Rigide Sexualmoral im Zusammenspiel mit vertuschtem Kindesmissbrauch wirkt ebenso wenig werbewirksam wie das Faible für Luxus der Welt entrückter Würdenträger. Sankt Sebastian blieb von den Stürmen offensichtlich unberührt. Im Schnitt besuchen 190 der 2400 Gläubige starken Gemeinde die Gottesdienste. St. Sebastian spielt bei der Kerb und bei der Fastnacht eine dominierende Rolle im Ort. Bei der Sitzung der Kolpingfamilie steigt Pfarrer Willi Gerd Kost in die Bütt. In Gruppen der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) treffen sich auch Jugendliche mit protestantischem, atheistischem oder muslimischem Hintergrund.

Bilder vom Fotowettbewerb „Mein Bild von katholischer Kirche“

Auf dem Weg durch die Kirche öffnet Udo Parakenings eine Türe zum Beichtstuhl. Hier drin geht es anders zu als im normalen Leben, wo ein „Sag das nicht weiter“ als Bitte verstanden wird, das ganze Dorf zu informieren. Parakenings erklärt, die klassische Beichte trete zunehmend in den Hintergrund, „heute spielt das seelsorgerische Gespräch die größere Rolle“. Für den Pfarrer nimmt das meist weit mehr Zeit in Anspruch als das rituelle Gespräch im Halbdunkeln. Über den Inhalt gilt die gleiche Schweigepflicht.

Nahrung für Geist und Körper – das Jubiläum

Das Jubiläum der Pfarrkirche St. Sebastian an der Hanauer Straße beginnt am Sonntag, 2. September, mit dem Festgottesdienst um 10 Uhr. Eine tragende Rolle spielt dabei der Kirchenchor. Die Stimmgewaltigen haben in den vergangenen Wochen extra einen Projektchor aus Menschen gebildet, die dem Anlass mit ihrer Stimme einen eigenen Ton geben. Anschließend spielt der Bieberer Musikverein Eintracht zum Frühschoppen. Der Seniorentreff der Kolpingfamilie organisiert den Thekendienst. Für das leibliche Wohl sorgen die Oldies mit dem Mittagessen, der Kirchenchor mit Kuchen und die Kolpingfamilie am Weinstand, wo das eigens angefertigte Glas mit dem Aufdruck „125 Jahre St. Sebastian“ zu haben ist. Geistig satt machen die Kindertagesstätte mit ihrem verspielten Repertoire und Patricia Böhn-Kaiser, die in die Geheimnisse der Orgel einweiht. Um 17 Uhr schließt der Tag mit einer Andacht vor der Kirche.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare