Rapper ohne bösen Blick

Der Mühlheimer „Jay Jiggy“ produziert nicht nur eigene Lieder, er hilft auch anderen

Erfolgreich im Internet: der Mühlheimer Rapper „Jay Jiggy“.
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Erfolgreich im Internet: der Mühlheimer Rapper „Jay Jiggy“.

Behaupte einer, Musik sei brotlose Kunst: Mittlerweile kann der Mühlheimer „Jay Jiggy“ von sich sagen, „ich kann davon leben“. Nicht selten singen Rapper über protzige PKW, Gewalt- und Allmachtsfantasien. Jay Jiggy verwendet diese Bilder als Persiflage. Der Mann, in dessen Pass der Name Janis Restle steht, textet ansonsten über Ängste und Depressionen. Und der 31-Jährige weiß, wovon er singt.

Mühlheim – Wer heute mit Janis Restle spricht und ihn nicht von früher kennt, der kann sich nicht vorstellen, wie dieser noch Anfang 2014 gewirkt haben muss. Weit entfernt vom verlässlichen Familienvater von heute, der zum abendlichen Ritual seinen sieben Monate alten Sohn ins Bett bringt.

Restle erzählt von seinem jahrelangen Drogenkonsum, von Amphetamin, Kokain, Cannabis und Psychosen. Der Sprechsänger berichtet, wie er sich phasenweise nicht mehr getraut hatte, das Haus zu verlassen, wie er Angst hatte, an einem Herzinfarkt zu sterben, „wenn ich von einem Anschlag von irgendwo auf der Welt hörte, dann dachte ich, ,morgen triff es dich’“. Er habe die Fantasie entwickelt, im Schlaf zu wandeln und dabei aus dem Fenster zu springen. „Wieder schieb‘ ich Paranoia, wieder wird der Gang durch den Supermarkt zum Abenteuer“, besingt Jay Jiggy den Alltag von damals.

Erst habe er gar nicht gewusst, was seine Mutter von ihm wollte, als sie ihn schließlich zum Drogentherapeuten schleifte. In Offenbach unterzog er sich einem Entzug, „auf der Station 711 des Sana Klinikums“. Die anschließende Therapie in der Rehabilitationsklinik Hardberg im Odenwald dauerte ein Vierteljahr.

Suchtkranke haben es leichter, den Teufelskreis zu verlassen, wenn sie eine Alternative haben, die Leere zu füllen. Janis Restle half sein Talent zu texten, ohne dass es sich anhört, als verzweifle da jemand auf der Suche nach gleich endenden Silben. Die Reime von Jay Jiggy unterstreichen die Inhalte.

Als sein bis dahin größtes Projekt bezeichnet Janis Restle seinen Song zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018, als der Mühlheimer mit einer satt dreistelligen Zahl an Komparsen im Sportzentrum an der Anton-Dey-Straße ein Video drehte (wir berichteten). Der Refrain: „Wir werden die WM gewinnen, weil wir die Champions sind.“ Es kam bekanntlich anders: In Russland flog die Nationalmannschaft nach der Vorrunde raus.

Restle dürfte recht haben, wenn er vermutet, „wäre Deutschland Richtung Endspiel marschiert, wäre der Song durch die Decke gegangen“. Das hätte wohl gestimmt, wie die bis heute 1,3 Millionen Klicks auf Youtube vermuten lassen. Restle erinnert sich, was er nach der entscheidenden Niederlage gegen Südkorea fühlte. Er sei ein Typ, der denke, es liege an ihm, „wenn es anfängt zu regnen, sowie ich zur Türe rausgehe“. Natürlich habe ihm schließlich sein Verstand gesagt, „die Fußballmächte richten sich nicht nach mir“.

Im Moment überlegt sich Jay Jiggy, ob er dem Rat seines Studio-Kollegen folgen soll, zur bevorstehenden Europameisterschaft wieder einen Song aufzunehmen, gespickt mit der für ihn typischen Selbstironie, „denn wenn, dann werde ich darin mein Erlebnis von der WM verarbeiten“.

Sein Geld verdient Janis Restle über Plattformen wie „YouTube“ und „Spotify“. Jährlich produziert er zwölf Songs. Im Netz gibt er Rap-Tutorials, analysiert die Stücke anderer und gibt Tipps, wie man es besser machen könnte. Auch dabei unterscheidet sich Jay Jiggy von vielen seiner Kollegen, die bei jeder Gelegenheit erzählen, was für Bringer sie sind. Jay Jiggy nervt nicht mit einem Akzent, den in seinem Elternhaus niemand spricht. Authentisch redet der Mühlheimer im hessischen Idiom. Und anders als ein Bushido, übt „Jay Jiggy“ auch nicht den bösen Blick. (Von Stefan Mangold)

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