Kicken für den Schlussstrich

Rassismus-Erlebnis: Fußballer spielen sich Bälle zu

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Spieler des SV Hochland Fischborn und der Spvgg Dietesheim mit ihrer Banner-Absage an Diskriminierung und Gewalt.

Mühlheim - Handyaufnahmen sind zwiespältig: Oft bedienen sie Voyeurismus, manchmal aber belegen sie widerliche Vorfälle, von denen sonst niemand je erfahren hätte. Wie Mitte Juli den rassistischen Angriff auf Dietesheimer Fußballer bei der Kerb in Fischborn. Von Stefan Mangold 

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Gestern Nachmittag setzt ein Freundschaftsspiel der Teams von Spvgg Dietesheim und SV Hochland Fischborn ein Zeichen für Toleranz. Die Minuten vor dem Spiel verlaufen natürlich ganz anders als sonst. Dietesheims Cheftrainer Giovanni Palermo spricht nicht über die Taktik, ob Dreier- oder Viererkette, ob ein Stürmer oder zwei. „Für uns ist das auf der einen Seite ein Vorbereitungsspiel für die Runde“, erklärt Palermo eine halbe Stunde vor dem Anpfiff. Auf der anderen Seite wolle die Mannschaft die Erlebnisse von der Kerb in Fischborn am Rande des Trainingslagers auch so langsam ausblenden. „Wenn das ewig für uns Thema bleibt, haben diese Leute schließlich auch erreicht, was sie wollten“. An den Ermittlungen der Polizei wegen Volksverhetzung habe das Team aber natürlich weiter großes Interesse.

Unten: FEG-Leiter Stefan Sturm (links) vom Mühlheimer „Bündnis gegen Rechts“ schaut dem munteren Kick ebenso zu wie das Ehepaar Otto Wagner und Ilse Müller von der Flüchtlingshilfe.

Schon mehrmals sei er mit Mannschaften in Fischborn gewesen, sagt Palermo, „das sind dort nette Leute, die für die paar Idioten nichts können“. Vertreter des SV Hochland Fischborn hätten sich gemeldet und angefragt, ob Interesse an einem Freundschaftsspiel bestünde, um sich so auch von den nächtlichen „Ausländer raus“-Rufen des Mobs zu distanzieren. „Für uns als Spvgg Dietesheim war es keine Frage, dass wir zusagen“, erklärt Vereinsvorsitzender Günter Scholz.
Eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff fährt der Bus aus Fischstein am Wingertsweg mit insgesamt 35 Spielern, Betreuern und sonstigen Begleitern vor. Die Begrüßung der Vereinsvertreter gestaltet sich herzlich.

Kreisfußballwart Jörg Wagner besucht derweil die Diestesheimer Spieler in der Kabine. Wagner bietet den jungen Kickern an, „wenn jemand will, dann schicken wir gerne vom Verband einen Referenten, mit dem sich die Erlebnisse noch mal besprechen lassen“.

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Zum Spiel erscheinen viele gesellschaftliche Akteure, unter anderem Bürgermeister Daniel Tybussek und der städtische DGB-Vorsitzende Thomas Schmidt, der eben ein Banner des „Mühlheimer Bündnis gegen Rechts“ aufgehängt hatte. Mit Anja Waldschmidt, der Leiterin der Brüder-Grimm-Schule, und Stefan Sturm, dem Leiter des Friedrich-Ebert-Gymnasiums, schauen auch die beiden weiteren Sprecher des Bündnisses zu, wie das Spiel auf dem Rasen vor über 200 Zuschauern nicht in taktischen Zwängen erstickt. In der Nachmittagshitze endet der flotte Kick mit 5:2 für Dietesheim. Das ist kein Gefälligkeitsergebnis, sie spielen im Liga-Alltag eine Klasse höher als die Fischborner.

Als Privatleute kommen die Ehepartner Ilse Müller und Otto Wagner auf den Sportplatz. Die beiden sind in der Flüchtlingshilfe aktiv: „Wir können uns nicht um ausländische Kinder kümmern und dann wegschauen, wenn es ‘Ausländer raus’ schreit“.

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