„Noch nie so erniedrigt“

Rassistische Pöbeleien gegen Fußballer: Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung

Mühlheim - Der Bericht eines jungen Dietesheimer Fußballers über die Konfrontation seines Teams mit Rechtsradikalen am Rande eines Trainingslagers im Main-Kinzig-Kreis schlägt seit gestern Wellen. Von Marcus Reinsch

Er katapultiert die aktuelle Diskussion um Rassismus im Profisport in die kleinstädtische Relevanz. Die Polizei geht dem Verdacht auf Volksverhetzung nach.

Der Auslöser des Ausnahmezustands, in dem sich gestern die Fußballer der – sonst mit keiner größeren Aufregung als ihrem erfüllten Wunsch nach einem Kunstrasenplatz konfrontierten – Sportvereinigung Dietesheim (Spvgg) wiederfinden, ist auf Facebook nachzulesen. Auf seiner Seite des Internet-Netzwerks schildert Kewin Siwek, Mittelfeldspieler der ersten Spvgg-Herren mit polnischen Wurzeln, wie sein Team während eines Trainingslagers im Main-Kinzig-Kreis zur Zielscheibe ausländerfeindlicher Aggressionen geworden sei.

Ein mutiger Schritt, der sich nicht nur in Siweks offenen Zeilen zeigt, sondern auch in einem optisch stockfinsteren, akustisch aber eindeutigen Video. „Ausländer raus“ ist da zwischen anderen Wortgefechten zu verstehen (Video am Ende des Artikels).

Was seiner Mannschaft widerfahren sei, als sie die Stärkung des Teamgeistes per gemeinsamem Besuch einer Kerb für eine hervorragende Gelegenheit hielt, sei kaum in Worte zu fassen, schreibt Siwek. Er „hätte niemals in meinem Leben gedacht, dass es auch mich treffen könnte, doch es ist geschehen und noch nie habe ich mich auch nur annähernd so erniedrigt gefühlt wie an diesem Tag.“

Schon am Eingang sei bemerkbar gewesen, „dass wir dort aus unerklärlichen Gründen nicht ganz willkommen waren“. Ein Mannschaftskollege „mit deutlich erkennbarem Migrationshintergrund“ habe mit voller Absicht ein Getränk über seine Schuhe geschüttet bekommen“. T-Shirts mit dem Aufdruck „Manche Führen, manche Folgen“ habe man dort „mit einer Selbstverständlichkeit getragen, als handelte es sich dabei um einen lustigen Abiturspruch“. Und als ihm „jemand weismachen wollte, dass er sich den Führer zurückwünscht und mit dem Satz ‘Arbeit macht frei‘ ankam, war uns klar, dass uns die Wahrnehmung am Eingang nicht getäuscht hat“.

Das wie die zweite Mannschaft und die A-Jugend der Sportvereinigung im „FairPlay“-Programm für solche Situationen geschulte Team habe sich davon nicht provozieren lassen: „Warum sollten wir uns auch auf das Niveau herablassen, wenn 70 Prozent unserer Mannschaft aus Deutschen ohne Migrationshintergrund besteht und wir uns in einer Weise verhalten haben, die von gut erzogenen Menschen erwartet werden kann, selbst wenn Alkohol im Spiel ist.“

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Aus einem kleinen Streit zwischem einem Teamkollegen und einem „unberechtigt eifersüchtigen jungen Mann“ sei dann aber ein Massenereignis geworden. „Wir wurden daraufhin wie Schafe von Wölfen ins Hotel getrieben und mussten uns jegliche Art von Beleidigungen und Androhungen anhören.“ Bei den Aggressoren habe es sich dabei nicht lediglich um junge Erwachsene mit zu viel Testosteron gehandelt, „nein, dort waren auch ‘erwachsene Menschen‘ vertreten und liefen mit, als wäre es ein Faschingsumzug, nur anstatt einem ‘Helau‘ gab es ein lautstarkes ‘Ausländer raus‘“.

Siwek berichtet vom Schock, der seiner Mannschaft in den Knochen saß, und von Tränen, „weil mir noch nie so viel Hass entgegengebracht wurde, nur weil mein Geburtsort und der Geburtsort von ein paar Mannschaftskollegen ein anderer als Deutschland ist.“ Und auch „weil mir mein Jura-Studium Werte aus dem Grundgesetz vermittelt und solch ein Verhalten normalerweise unter Strafe stellt“. Er fühle sich in Deutschland zu Hause und sei dankbar für die Möglichkeiten, die sich ihm hier bieten.

Datum und Ort der Ereignisse nennt Siwek auf Facebook nicht, um das Hotel zu schützen, in dem er und seine Mitspieler Schutz fanden. Doch solche Geheimnisse können nicht funktionieren. Spätestens seit sich das unter anderem mit Staatsschutzangelegenheiten befasste Zentralkommissariat 10 des Offenbacher Polizeipräsidiums Südosthessen eingeschaltet hat.

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Die Fahnder ermitteln wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Das sagte gestern Anke Vitasek, auf Social-Media-Kanäle spezialisierte Polizeisprecherin, auf Anfrage. Die Polizei im Main-Kinzig-Kreis habe von dem Vorfall in der Nacht zum 15. Juli auf der Kerb in Birstein-Fischborn erste Kenntnis erlangt. Dort sei es gegen 3 Uhr zu der Auseinandersetzung zwischen der Fußballmannschaft und anderen Festbesuchern gekommen, die in Handgreiflichkeiten gipfelte. Einen Strafantrag hätten die Opfer bei den alarmierten Beamten in dieser Nacht nicht gestellt. Dennoch habe die Polizei nun eine Anzeige gefertigt und ermittele, wer bei dem Streit welche Rolle eingenommen hat. Die Personalien von Beteiligten seien beim Fest aufgenommen worden.

Auch mit der Sportvereinigung Dietesheim stünden die Ermittler in Kontakt. In solchen Fällen gebe es immer eine Beratung, wie sich ein Verein zu verhalten hat. Die Spvgg hatte für gestern Abend ein Treffen mit der Mannschaft angesetzt, um zu besprechen, wie sie sich in der nun öffentlichen Diskussion weiter positioniert.

Rubriklistenbild: © dpa

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