Rechnung geht nicht mehr auf

Aus für Projekt "Deckel gegen Kinderlähmung"

+
Bald ist Schluss: Katharina Jung, Erzieherin in St. Sebastian, und Gemeindereferent Dirk Stoll nehmen noch bis zum 16. Juni Plastikdeckel entgegen.

Die Gemeinden von St. Sebastian in Dietesheim und St. Lucia in Lämmerspiel beteiligten sich auch mit ihren Kindergärten an dem Projekt „Deckel gegen Kinderlähmung“, der Initiative des „Rotary International“ nahestehenden Vereins mit dem Namen „Deckel drauf“.

Mühlheim – Bis zum 16. Juni können Sammler noch in St. Sebastian und St. Lucia ihre Flaschendeckel aus Plastik abgeben.

Für die Aktion galt bisher die Rechnung, für 500 an Recyclingfirmen verkaufte Plastikdeckel von Saft- und Wasserflaschen ließ sich eine Impfung gegen Poliomyelitis in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak finanzieren. Die Multiplikation führt nun aber nicht mehr zum gleichen Ergebnis. „Das hängt vor allem mit China zusammen“, erläutert Dirk Stoll, der Gemeindereferent von St. Sebastian und St. Lucia.

Seit Anfang des Jahres nehmen die Chinesen den Plastikabfall aus Europa nicht mehr an. In einem Schreiben an die Welthandelsorganisation (WTO) hieß es, der Müll sei zu gefährlich, man wolle die Umwelt schützen. Das bedeutet: Europa kann sein Problem nicht mehr exportieren. Denn der vermüllte Jangtsekiang, drittlängster Fluss der Welt, spült auch Plastik aus deutschen Supermärkten in die Weltmeere.

Die EU hatte vergeblich versucht, eine der beliebten langjährigen Übergangsfristen auszubaldowern. Für ein Projekt wie „Deckel gegen Kinderlähmung“ heißt das allerdings, es lohnt sich nicht mehr. Durch den Stopp der Chinesen fiel der Preis für recycelbare Abfälle hierzulande in den Keller. Hinzu komme außerdem, sagt Stoll, „dass in Zukunft die Deckel fest an den Flaschen verankert sein müssen“, ähnlich wie längst die Öffnungslaschen bei den Getränkedosen, die sich früher noch zum jugendlichen Zeitvertreib durch die Gegend schießen ließen.

Im Lauf der Jahre sei es dem Verein „Deckel drauf“ gelungen, für 3,5 Millionen Impfungen gegen Kinderlähmung weltweit zu sorgen, die auch hierzulande bis Anfang der 70er über Eltern wie ein Damoklesschwert hing, die fürchten mussten, dass auch ihren Nachwuchs das Schicksal ereilt, für den Rest des Lebens nur an Krücken laufen zu können. Eine Angst, die besonders in Ländern wie Pakistan oder Afghanistan immer noch herrscht. „Rotary International“ engagiert sich seit 40 Jahren im Kampf gegen Poliomyelitis.

Wenn eine Aktion nicht mehr so gut läuft, wird gerne mal die Variante genommen, die Geschichte stillschweigend im Sand verlaufen zu lassen. Irgendwann hätte dann nirgendwo mehr ein Behältnis für die Abgabe von Deckeln gestanden. Dirk Stoll betont, nachdem sich die Protagonisten des Vereins „Deckel drauf“ seit 2013 ehrenamtlich engagierten, „wollte man das Ende auch offiziell verkünden“. Den Erfolg nimmt Stoll als Beleg dafür, dass zwar ständig über die Ellenbogengesellschaft gesprochen werde, „dass es aber viele Menschen gibt, die einander helfen“.

VON STEFAN MANGOLD

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare