Rechte Hand von Rathauschef Anton Dey

Geschichtsverein Mühlheim gliedert Fotoalben von Hans Wack in sein Archiv ein

Geschichtsverein Mühlheim
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Für ein Foto nahmen Geschichtsvereinsvorsitzender Karl-Heinz Stier (von rechts), Vereinsarchivarin Gerda Brinkmann und Thomas Wack beim Sichten der Fotoalben ihre Mund- und Nasenmasken kurz ab.

Der Geschichtsverein kämpft ständig darum, dass die Mühlheimer historische Foto- und Textzeugnisse ihrer Eltern und Großeltern beim Ausmisten nicht einfach wegwerfen, sondern der Vereinsarchivarin Gerda Brinkmann überlassen. Thomas Wack fand den Kontakt über seine Lebensgefährtin Peggy Raupach, die in Dietzenbach für den Kreis Offenbach arbeitet. Sie wiederrum sprach Karl-Heinz Stier an, den Kreistagsabgeordneten und Vorsitzenden des Geschichtsvereins. Wacks Großvater, der Oberamtmann Hans Wack, war ein Hobbyfotograf, der etliche Alben mit Bildern von Mühlheim hinterließ.

Mühlheim – Beim Sichten dieser Bilder wusste Gerda Brinkmann, von wem die Rede ist und verstand sofort, warum der am 3. Juni 1900 geborene Hans Wack so gänzlich in Vergessenheit geriet, obwohl er im Rathaus als Oberamtmann über Jahre eine zentrale Rolle spielte. Karl-Heinz Stier spricht von der rechten Hand Anton Deys, Mühlheims erstem Nachkriegsbürgermeister. Den unter den Nazis verfolgten SPD-Mann setzten die Amerikaner kommissarisch ein, ehe seine Partei die Wahlen gewann.

„Mein Großvater war überzeugter Sozialdemokrat“, erinnert sich der Enkel an Porträts von Willy Brandt in Opas Haus an der Trachstraße. „Davon bekamen wir nichts mit“, berichtet die 1938 geborene Gerda Brinkmann, die ums Eck aufwuchs. Brinkmann nahm Wack als einen Mann ohne Eigenschaften wahr, „gänzlich unauffällig im beigen Trenchcoat; einer, der weder positiv noch negativ auffiel“. Während andere Nachbarn ständig die auf der Straße spielenden Kinder anraunzten „kam von Wack nie irgendetwas“.

Thomas Wack beschreibt den Großvater als einen, über dessen Integrität sich die Großmutter auch mal ärgerte. Der 53-Jährige erzählt eine Geschichte aus der Nachkriegszeit, als der Hunger das Leben bestimmte. Damals stellte Wack jemand einen Fresskorb auf den Tisch, dessen Inhalt eine lange Phase von Glückseligkeit versprach. Von altruistischen Motiven hatte sich der potenzielle Schenker aber nicht leiten lassen, „er wollte, dass der Opa ihm zu einem bestimmten Grundstück verhilft“. Die Oma hätte wohl dafür gestimmt, für einen vollen Magen auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, „meinen Großvater charakterisierten aber vor allem zwei Eigenschaften: er war absolut korrekt und total unbestechlich“.

Obertamtsmann Hans Wack war leidenschaftlicher Hobbyfotograf.

Hans Wack, ursprünglich Buchdruckermeister von Beruf, leitete das Ernährungsamt der Stadt Mühlheim, erläutert Karl-Heinz Stier. Bis zum 1. Mai 1950 konnten die Bundesbürger Nahrungsmittel nicht einfach einkaufen, was das Portemonnaie hergab. Ohne Lebensmittelkarten bekam man beim Metzger keine Scheibe Schinken auf die Waage gelegt. Die Bezugsscheine gab das Amt von Wack aus. Der Leiter stand schnell im Ruf, niemanden zu bevorzugen, keine Kumpels, keine Verwandten, keine Parteifreunde. „Er ließ sich auch von uns nicht korrumpieren“, erzählt Thomas Wack, wie er und sein älterer Bruder Jürgen nach dem frühen Unfalltod des eigenen Vaters schon mal versuchten, dem Opa zum Geburtstag oder Weihnachten Wunschzettel unterzujubeln, deren Erfüllung das übliche Budget gesprengt hätte. „Der Opa sagte dann wie immer ruhig, aber unmissverständlich, ‘nein, das ist nicht drin’“. Einen trockenen Humor attestiert ihm der Enkel von heute aus betrachtet, „einen ironischen, den ein Kind nicht immer versteht“. Manches Bonmot habe ihn erst in der Erinnerung amüsiert. Thomas Wack spricht von einem belesenen und allgemein gebildeten Mann. Zum Ausflug mit den Enkeln ging es sonntags nie auf den Rummel, „sondern immer nur dorthin, wo inhaltlich etwas für uns hängen bleiben sollte“. Dazu gehörte etwa das Senckenberg Museum. Das große Interesse Wacks, der zu den Mitbegründern der Geschichtsabteilung im Verkehrs-Verschönerungs-Verein gehörte, galt der Fotographie. Enkel Thomas erinnert sich an das Rotlicht und den Geruch der Chemikalien in der Dunkelkammer. Die Bilder trockneten an einer Leine. Eine Eigenschaft von Hans Wack, der im Alter von 82 Jahren starb, erleichterte Gerda Brinkmann die Sichtung der Bilder: „Jedes ist gestochen scharf mit Ort und Datum beschriftet.“ (Von Stefan Mangold)

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