Das Hotel, wo jeder war

Mit Reisebüro Gerfelder hat Lämmerspieler Institution geschlossen

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Chefin Doris Gerfelder (rechts) und Mitarbeiterin Gudrun Fischer schließen Lämmerspiels einziges Reisebüro.

Mühlheim - Es ist wieder ein Stück Mühlheim, das aus dem Stadtbild verschwunden ist. Das Reisebüro Gerfelder hat seine Segel gestrichen.

Die Flaute verursachten das Internet, neue gesetzliche Auflagen und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Beschäftigten ihren Ruhestand redlich verdient haben.
„Es war eine schöne Zeit, aber 35 Jahre sind genug“, sagt Doris Gerfelder. Die Chefin und ihre treue Seele, Gudrun Fischer, bedanken sich mit einem Brief bei langjährigen Kunden. „Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, gesteht die Inhaberin. „Wir haben die Feste gefeiert wie sie fallen“, deutet sie auf ein Foto, das eine Menschenmenge beim Frühschoppen vorm Laden an der Obertshäuser Straße in Lämmerspiel zeigt.

Am 7. August 1982 zog Otmar Gerfelder mit seinem Versicherungsbüro aus dem heimischen Keller in den Neubau. Im Westflügel der Räume richtete er ein Reisebüro ein, das anfangs die kaufmännische Angestellte Gabriele Bernhardt leitete. Die Kauffrau Ingrid Dieterich stieß kurz darauf hinzu. 1984 bildete Otmar I. mit seiner Doris das Prinzenpaar, im selben Jahr heiratete der Lämmerspieler Bub die Angestellte der Landeszentralbank. 1987 übernahm die Ehefrau das Reisebüro. Als Ingrid Dieterich 1996 in den Ruhestand ging, nahm Gudrun Fischer ihren Platz ein.

Anfang der 80er Jahre engagierte sich die Agentur als Veranstalter. Doris Gerfelders Schwiegervater war Betriebsleiter bei Lederwaren Picard in Tunesien, also organisierte das Team mit Direktor Ali Driss vom Hotel Marabout Reisen mit Flug und Vollpension für 698 Mark pro Woche. „Ganz Lämmerspiel war einmal in Sousse im Hotel Marabout“, versichert Doris Gerfelder und strahlt. Dann haben sie Urlauber von sieben bis 70 Jahren mit dem Bus vom Reisebüro zum Flughafen und nach Orlando in die Disney World gebracht, zu den Everglades, nach Key West und per Kreuzfahrt nach Nassau. 3180 Mark waren anno ‘91 ein guter Preis.

Vor 35 Jahren liefen Mallorca, die Balearen und die Kanaren wie „geschnitten Brot“. Damals waren Halb- und Vollpension üblich, in den Geschäftsräumen tummelten sich ganze Familien, für die Jüngsten lag Spielzeug auf dem Teppich, während Mama und Papa beraten wurden. Die Kunden kamen auch aus Obertshausen und Hanau, dagegen wählten manche Lämmerspieler die Konkurrenz, damit Nachbarin Gerfelder „nicht erfuhr, wohin sie in den Urlaub fahren“.

Auch zuletzt lief Spanien wieder ganz gut, auch Italien, und meistens All inclusive: „Dann brauchen sie kein Geld mehr, wissen genau, was es kostet“. Türkei und Ägypten waren bis zu den Anschlägen in Djerba und auf der Sinai-Halbinsel vor einigen Jahren beliebt, „dann haben die Leute doch schon Angst gehabt“. Reifere Jahrgänge, aber auch Eltern mit kleinen Kindern und kleiner Geldbörse wählten Nord- und Ostsee, Bayerischen oder Schwarzwald. Betuchtere kauften Florida, Kalifornien und die Dom-Rep.

Einige Interessenten entsprachen der Karikatur am Aktenschrank: Egal wohin, Hauptsache Sonne, Strand und Meer. Die Ratsuchenden hatten daheim stapelweise Prospekte gewälzt „und dann oft den ersten Vorschlag angenommen“. Oder im Internet gebucht. „Gut, dass ich nicht nach Stunden bezahlt wurde“, schmunzelt die Ex-Chefin schon wieder.

Bilder vom Lichterfest in Mühlheim

Ja, die Stammkunden kamen bis zuletzt, „aber davon allein kann man nicht existieren“. Doris Gerfelder ist jetzt 66, das ist der Hauptgrund für die Aufgabe. Ein Weitermachen würde neue Lehrgangsbesuche und ein großes Risiko mit sich bringen. Wer künftig Pauschalreisen zusammenstellt, unterliegt einer Haftungspflicht. Die Fachfrau empfiehlt ihren Kunden das Holiday-Land an der Mozartstraße und betont, das Versicherungcenter Gerfelder & Schütz unterm selben Dach bleibt geöffnet.

Langweilig wird der Ruhestand den Damen nicht, ein eigenes Urlaubsziel haben sie sich schon ausgeguckt: das Lämmerspieler Freibad. (m)

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