„So quäle ich den immer“

Reportage zeigt Misshandlungen und Demütigungen im Senioren-Zentrum

Mühlheim - Häme, Beleidigungen, Gewalt – ein Beitrag von RTL „Extra“ hat erschreckende Zustände in dem Senioren-Zentrum des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Mühlheim aufgedeckt. Die Einzelheiten in dem Bericht gehen unter die Haut. Von Sebastian Zeh

Erste Hinweise hatte eine ehemalige Mitarbeiterin der Einrichtung gegeben. Sie wandte sich an den TV-Sender RTL, wollte die Zustände in dem Zentrum aufdecken. „Ich habe noch nie so viel Respektlosigkeit und psychische Gewalt erlebt wie in diesem Haus“, schildert sie dem Kamerateam. Um die Vorwürfe zu prüfen, schleusten die Verantwortlichen von RTL „Extra“ eine Reporterin als Praktikantin in die Einrichtung ein – mit versteckter Kamera. Die Ergebnisse schockieren.

So zeigt der Bericht, wie eine Pflegekraft der gerade betreuten Bewohnerin nach der Intimpflege die Handschuhe ins Gesicht hält. „Boah, du stinkst ey. Warum machst du so viel Pipi?“, kommentiert sie.

Später wird ein Mann in seinem Rollstuhl an ein offenes Fenster geschoben. Er beschwere sich zu oft darüber, dass er friere, so die Pflegerin. Beinahe freudig sagt sie dazu: „So quäle ich den immer.“ Auch die Mittagsruhe wird mitunter zur Tortur für die Bewohner. Der Beitrag zeigt, wie demente, immobile Patienten gemeinsam um den Mittagstisch sitzen. Die Mahlzeit ist bereits abgeräumt. Den Mittagsschlaf sollen sie dennoch dort abhalten – der Übersicht halber. So könnten längere Kontrollgänge durch die Einrichtung vermieden werden. Eine alte Dame am Tisch weint. Niemand schreitet ein.

Diese Art der Betreuung scheint Methode zu haben. Bereits in den ersten Tagen ihres Praktikums ist die RTL-Reporterin für den Frühdienst eingeteilt. Sie weckt und wäscht die Bewohner. Allein. Wenn sie während der Reportage mit dem Personal des Hauses zusammenarbeitet, erhält sie „Tipps“ im Umgang mit den alten Menschen. Schnell muss es gehen. Auf die Frage, ob man denn nicht auch mit Liebe arbeiten sollte, erhält die Reporterin eine klare Antwort: „Hier gibt’s keine Liebe. Hier darfst Du keine Liebe haben.“

Der Mangel an Zuwendung wird gerade dann deutlich, wenn es um Notsituationen geht, in denen Bewohner nach dem Personal klingeln. Dies wird als störend empfunden. Einer der Pfleger hat dafür seine ganz eigene Methode: Wer zu oft klingelt, wird aus dem Bett geholt. Einen Mann schiebt er in seinem Rollstuhl zur Strafe in den Aufenthaltsraum, zieht die Bremsen fest und kesselt ihn ein, indem er große Topfpflanzen neben ihn stellt. „So habe ich dem das Klingeln abgewöhnt“, sagt der Pfleger. Eine Ausbildung in seinem Beruf hat er nicht, wie er zugibt. „Ich habe mich zum Pflegehelfer hochgearbeitet.“

Der DRK-Kreisverband hat bereits angekündigt, die Vorwürfe ernst zu nehmen und den Sachverhalt aufklären zu wollen. Dabei soll es auch Gesprächsrunden mit dem Heimbeirat geben.

Gemeinschaft, Geist, Gesundheit: Singen tut Senioren gut

Nach Angaben des Hessischen Rundfunks (hr) ist es nicht das erste Mal, dass Reporter schwere Missstände in einem Seniorenheim im Rhein-Main-Gebiet aufgedeckt haben. So hätten im vergangenen Jahr Insider im hr-Magazin „defacto“ über unhaltbare Zustände in einem Frankfurter Pflegeheim berichtet. Vor allem die mangelhaften Hygienestandards seien von den Insidern kritisiert worden. Weiter heißt es: „Ein Jahr später bestreitet der Betreiber die Vorwürfe zwar noch immer, doch auch er spricht inzwischen von veränderten Abläufen. Auch berichteten die Insider, die Situation habe sich etwa durch häufigere Kontrollen verbessert.“

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare