Naturfreunde feiern Dance-Party

Rückblende in die Siebziger

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In den 70ern tanzte die Jugend zu Liedgut von Boney M., The Sweet oder ABBA. Die Naturfreunde lassen die Zeit für ein paar Stunden wieder aufleben.

Mühlheim - Von der Decke hängt Papierschmuck, auf dem Fenstersims steht eine Lavalampe und hinter dem Pult ist „DJ Gerd“ Katzmann unter Sonnenbrille und Baseballmütze nicht mehr zu erkennen. Von Stefan Mangold 

Zur „70er-Dance-Party“ im Naturfreundehaus lassen sich die Gäste zurück in die Zeit der eigenen Kindheit und Jugend versetzen. Am Eingang sitzt Mario Nöllner und hakt alle in seiner Liste ab, die erscheinen. Eintritt braucht niemand zu bezahlen, dafür bringt jeder etwas mit. Drinnen erklingt auf einem der Plattenteller von DJ Gerd, „Rolling On The River“, der Song, den Tina Turner 1971 zum Welthit werden ließ. Im anderen Raum geht es ruhiger zu. Hier füllen die Leute ein Quiz zum Thema 70er Jahre aus.

Wie hieß der Sportler, der bei den Olympischen Spielen sieben Goldmedaillen gewann, lautet eine Frage, die sich auf das Jahr 1972 bezieht. Das Quiz konzipierten Beate Jung und Rita Stenzel. Die meisten wissen, die sieben Goldmedaillen erschwamm der US-Amerikaner Mark Spitz im Münchner Becken, der sich später in Form eines Posters im Zimmer von Beate wieder fand, „denn der sah gut aus“.

Nicht jeder kann hingegen wie aus der Pistole geschossen aufsagen, welcher westliche Popstar als erster seiner Zunft in der UdSSR auftrat, ob Eric Clapton, Bob Dylan oder Elton John. Der Klavier spielende Engländer mit den großen Brillen saß 1979 in Leningrad auf der Bühne.

Rita Stenzel passt wie ein Luchs auf, dass sich niemand mit dem Fragebogen entfernt, „Mario, du bleibst hier“. Denn heutzutage ist es möglich, sich durch einen Blick ins Smartphone etwa zu informieren, dass es bei der Schweizer Volksabstimmung vom 7. Februar 1971 nicht darum ging, den Zuzug von Gastarbeitern zu regeln. Die Männer entschieden über die Einführung des Frauenwahlrechts.

Im selben Raum steht das Buffet. Satt dürften alle werden. An jeder Schüssel hängt der Zettel, aus wessen Küche der Inhalt stammt. Anja Wasserziehr bereitete etwa gefüllte Eier zu, Carmen Schneeweis Frikadellen.

Wasserziehr trägt ein buntes Kleid, das tatsächlich aus Flowerpower-Zeiten stammen könnte, „ich tippe, das ist sogar selbst genäht“. In Vorbereitung auf die Party hatte sich die Mühlheimerin in einem Secondhandladen für das Textil entschieden. Die 1962 geborene Frau gehörte in der Jugend zu jenen, die „The Sweet“ toll fanden. Aber nicht nur. Die Beatles lösten sich zwar bereits 1970 auf, Wasserziehr erinnert sich jedoch an Nachmittage, „als wir Mädchen begeistert das rote und blaue Doppelalbum hörten“.

Wie intensiv man eine Zeit empfindet, hängt in der Hauptsache mit dem persönlichen Erleben zusammen. Ahnen lässt sich das nicht, aber die sportliche Ute Börnert kam schon 1941 zur Welt, „in den 60er Jahren ging ich abends viel Weg“. Mit über 30 und verheiratet wirkt die Welt nicht mehr so überraschend wie in der Jugend, „in den 70ern ging es für mich eher beschaulich zu“.

„DJ Gerd“ legt derweil „By the Rivers of Babylon“ von Boney M. auf. Auch wer das Liedgut der Formation damals arg nervig fand, bekommt vielleicht einen sentimentalen Anflug. Beate Jung berichtete von Gesprächen mit anderen aus ihrer Altersklasse, die „Tränen lügen nicht“ oder „Anita“ auswendig mitsingen können, alleine durch das unfreiwillige Mithören im Auto der Eltern oder des Fahrlehrers.

Was sich in der Prüderie der Gegenwart nicht mehr vorstellen lässt, wenn früher sonntags in der Teenydisco „We Are The Champions“ von Queen erklang, war das nicht der Soundtrack zu einem Pokalgewinn, sondern das Signal, ein fremdes Mädchen aufzufordern, sich mit einem eng umschlugen im Kreis zu drehen. Jung erinnert sich an die Disco am Bootshaus, wenn man hoffte, dass bei den gewissen Liedern ein bestimmter Junge auf einen zukommt. Wichtig war es, die Balance zu finden, zwar unglaublich cool zu wirken, aber nicht so arrogant, dass sich der Bub nicht traut.

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