Keller leerer, Küche voller

Sachspendenausgabe für Flüchtlinge nimmt Arbeit wieder auf

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Die Sachspendenausgabe für Flüchtlinge ist für beide Seiten ein Vorteil: Die einen bekommen die Keller frei, die anderen die Küchenschränke voll. Von links: Norbert Schüler, Ahmadi Amin und Eleonore Blöcher.

Mühlheim - Im Dezember zog die Flüchtlingshilfe mit ihrer Sachspendenausgabe von der Seewiese an die Ludwigstraße um. Die Stadt mietet dort das Gebäude einer ehemaligen Druckerei an, um bald eine Ehrenamtsagentur einzurichten. Von Stefan Mangold 

In den Räumen liegen die Haushaltswaren bis unter die Decke sortiert auf Regalen. Kurz vor Umzug fragte Eleonore Blöcher bei drei Flüchtlingen an, ob sie helfen könnten. Die hatten wegen Behördengängen und Arbeitssuche zwar keine Zeit, organisierten jedoch Ersatz. „Am nächsten Tag standen zwölf Männer parat“, erinnert sich Blöcher, eine der treibenden Kräfte der Flüchtlingshilfe in Mühlheim. Im neuen Domizil soll demnächst auch die geplante Mühlheimer Ehrenamtsagentur unterkommen.

Heute leisten noch Ursula Vitze, Birgit Haus, Norbert Schüler, Pauline Hain und Ahmadi Amin ehrenamtlichen Dienst. Der 32-Jährige Afghane strandete nach seiner Flucht vor zwei Jahren in Mühlheim. Auch Anneliese Wald schaut vorbei. Die Frau ist bei der Flüchtlingshilfe für die Ausgabe und Reparatur von Fahrrädern zuständig, „meist die einzige Möglichkeit für sie, mobil zu sein“. Bus und S-Bahn kann sich kaum jemand leisten.

An der Ludwigstraße gewinnen beide Seiten. Die einen kommen in der Regel mit kaum mehr als dem an, was sie am Leib tragen. Wenn sie irgendwann eine Wohnung beziehen, dann steht kein Teller im Schrank, in der Schublade liegt kein Messer. Hierzulande haben viele kistenweise Geschirr und Besteck im Keller stehen. Zu schade, um es wegzuschmeißen, zu billig, um es auf den Flohmarkt zu tragen. In der Sachspendenausgabe gleichen sich Überfluss und Mangel zumindest ein wenig aus.

Bettwäsche besonders gefragt

Mit Untertassen, die besonders in den jüngeren Generationen auch bei uns ziemlich aus der Mode gekommen sind, können die meisten nichts anfangen. Bettwäsche ist hingegen besonders gefragt, denn jeder Flüchtling bekommt von offizieller Seite nur eine Garnitur. Manche Mühlheimer bringen noch original verpackte Bettwäsche vorbei, die in den 70er Jahren die Mutter oder die Oma als Hochzeitsgeschenk auf den Tisch legte. Die eine oder andere Ehe dürfte längst Geschichte sein, „die Bettwäsche ist aber noch wie neu“. Spätestens nach den Kölner Ereignissen in der Silvesternacht auf 2016 kippte die Stimmung in Deutschland beim Thema Flüchtlinge. Das brachte Rechtspopulisten, die mit den Ängsten vor Überfremdung in die Bütt steigen, Stimmen.

Sachspendenbereitschaft nahm nicht ab

„Hier in Mühlheim nahm die Sachspendenbereitschaft auch im letzten Jahr nicht ab“, beobachtet Blöcher, die keineswegs zu jenen gehört, die Probleme leugnen. Natürlich habe man in der Ausgabe auch schon den Typus des unangenehmen Zeitgenossen erlebt, „Leute, die sich mehrnehmen wollen, als sie brauchen“. Längst kenne man seine Pappenheimer. Auch relativiert Blöcher religiös motivierte Konflikte unter Flüchtlingen nicht im Tenor von: Das habe es früher auch hier gegeben. „Wir sind doch froh, dass Katholiken und Protestanten einander nicht mehr als Feinde begegnen.“

Gegen eine pauschale Verurteilung von Flüchtlingen kennt die ausgebildete Erzieherin ein probates Mittel: „Ich biete den Leuten an, Menschen konkret kennen zu lernen, über die sie abstrakt sprechen.“ Blöcher erzählt etwa von einem syrischen Unternehmer, der mit seiner Familie nach Mühlheim kam und seinen Besitz zurücklassen musste, „er wollte nicht weiter fürchten, dass seine Kinder auf dem Weg zur Schule erschossen werden“. Die Skeptiker, die Blöcher solchen Menschen vorstellt, „sind dann überrascht, wie freundlich und gesprächsbereit die Fremden auf sie zugehen“.

Die Sachspendenausgabe öffnet freitags zwischen 14.30 und 16.30 Uhr in der Ludwigstraße 57.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Mühlheim

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