Boom während der Pandemie

Schachabteilung der Sport-Union-Mühlheim erfährt viel Zulauf sowohl im Netz als auch am Brett

Spiel der Könige: Alexej Stemmler ist mit Weiß gegen Nicola Stadler am Zug.
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Spiel der Könige: Alexej Stemmler ist mit Weiß gegen Nicola Stadler am Zug.

Natürlich herrschte auch in der Schachabteilung der Sport-Union Mühlheim (SUM) seit dem Lockdown im November Schicht im Schacht wegen Corona. Insgesamt erlebte das Spiel, das als Sportart gilt, während der Pandemie aber einen Boom. Zu ihrem 75. Bestehen hatte die Abteilung Interessierte eingeladen, „unabhängig von Vorkenntnissen oder Spielstärke“. Es kamen mit gut 25 Leuten so viele, dass man schließlich aus den Vereinsräumen an der Friedensstraße noch mehr Bretter und Tische nach draußen tragen musste.

Mühlheim - Man hatte zum sogenannten „Tag des Schachs“. Der bezieht sich auf die Gründung des Weltverbands. Da konstituierte sich 1924 in Lausanne der Internationale „Fédération Internationale des Échecs“, die FIDE. Mitorganisator Michael Apel erzählt, dass Schach zu den Disziplinen gehört, die während der Pandemie boomten. Dazu habe auch die Netflix-Serie „Das Damengambit“ beigetragen. Als Berater der Produzenten hatte Garri Kasparov fungiert, der Mitte der 1980er Jahre als 22-Jähriger gegen seinen sowjetischen Landsmann Anatoli Karpow den Weltmeistertitel gewonnen hatte.

Im Zentrum der Episoden steht eine fürs Schach hochtalentierte junge Frau, die im Waisenhaus aufwuchs und in den 1950er Jahren versucht, in die auch in der Gegenwart noch von Männern geprägte Domäne einzudringen. So manchen Zuschauer brachte „Das Damengambit“ dazu, sich selbst wieder ans Brett zu setzen oder mit dem Spiel überhaupt erst zu beginnen.

Während der Pandemie bekam Schach aber vor allem deshalb Rückenwind, weil es keine Rolle spielt, wo auf der Welt der Gegner zieht. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte man Fernschach per Post. Den Brief löste erst das Fax, dann die Mail ab. Heute lässt sich das Gefühl via Bildschirm simulieren, der Gegner säße vis-à-vis.

Aus unserer Zeitung haben die Offenbacher Günter und Silvia Staat von dem Termin in Mühlheim erfahren und kommen mit Sohn Christian vorbei. Der Zwölfjährige kam über die AG auf der Leibnizschule zum Schach. Ein kurzes Gucken, und der Gymnasiast sitzt Abteilungsleiter Andreas Curth gegenüber, seit 2001 der Vorsitzende der Schachabteilung.

Der junge Gymnasiast verliert gegen den alten Hasen nach engem Duell nur knapp. Währenddessen erzählen die Eltern, dass ihr Sohn mittlerweile auch in Heusenstamm am Brett sitzt. Schach habe Christian während des Lockdowns noch intensiver gespielt als zuvor.

Jährlich organisiert die Schachabteilung eine Stadtmeisterschaft, an der jeder teilnehmen darf. Mit Michael Apel und Andreas Rönsch stehen zwei Spieler zusammen, die den Titel schon gewannen. Im Mühlheimer Schach gibt es niemanden, der die Rolle von Bayern München übernimmt. Das heißt, vor dem ersten Zug steht noch nicht fest, wer am Ende den Meisterpokal in die Kamera hält. Mit Dr. Georg Hechler schaut noch ein weiterer Matador vorbei, der sich Stadtmeister nennen darf. Der 89-Jährige wechselte vor sieben Jahren von Offenbach nach Mühlheim und gewann den Titel sofort.

Mit der 14-jährigen Nicola Stadler kommt das einzige Mädchen zum Spielen vorbei, zusammen mit Mutter Sabrina und der achtjährigen Schwester Bele. Nicola zieht kurz danach gegen die 17-jährigen Alexej Stemmler die schwarzen Figuren. Mutter Sabrina berichtet derweil, wie die Tochter zum Schach fand. An der Geschwister-Scholl-Schule in Steinheim stellte der damalige Jugendwart Andreas Rönsch das Spiel vor. Nach dem „Tag des Schachs“ resümiert der Abteilungsleiter Andreas Curth, „es war bestes Wetter, die Sommerferien hatten begonnen, wir hatten Angst, dass niemand kommt“. Eine Furcht, die unbegründet bleiben sollte. Die Schachspieler treffen sich dienstags in der Friedensstraße 110 in den Räumen der Sport-Union. Die Jugend trainiert ab 18.30 Uhr, die Erwachsenen sitzen ab 20 Uhr am Brett. (Stefan Mangold)

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