260 Quadratmeter Hoffnung

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Noch ist der ehemalige Schlecker weitgehend zugehängt. Doch der getrübte Blick auf die Zukunft des Ladens klärt sich.

Mühlheim - Am abgeklebten Schaufenster wirbt ein einsames Plakat für das Figurentheater Ende Januar in der Willy-Brandt-Halle. Auf einem Fensterbrett hinter der Scheibe wirbt ein übriggebliebener Zettel für „bis zu 50 Prozent Rabatt“. Von Marcus Reinsch

Und über der gläsernen Eingangstür wirbt ein mit Kreide gemaltes 20*C+M+B+12 für die Botschaft der Sternsinger. Die hoffnungsträchtigste Heilsbotschaft, die Passanten momentan aus dem Blick auf die ehemalige Schlecker-Filiale in Mühlheims Bahnhofstraße ableiten können, ist indes eine andere: „Die Mühlheimer Drogerie“ steht in großen gelben Lettern an der Scheibe, und, noch größer, „Neueröffnung im Februar“.

Damit bekommt ein weiterer Nahversorgungskrimi die Chance, in eine Art Happy End zu münden. Immerhin hat Mühlheim selbst seit dem unrühmlichen Abgang der Schleckers keine einzige reinrassige Drogerie mehr. Die abgehängte Kundschaft murrt; eine Neuansiedlung würde also eine offene Wunde heilen. Die letzte Zitterpartie, angesiedelt nur wenige Meter weiter, löste sich vor einigen Monaten in relatives Wohlgefallen auf. Damals wurde verkündet, dass der zwischenzeitlich zum Kommunalpolitikum mutierte Penny-Markt seine schon ausgesprochene Kündigung zurücknimmt und dank einer noch in diesem Jahr mit finanzieller Beteiligung der Vermieterin anstehenden Renovierung bleibt, wo er ist.

Hinter der neuen Drogerie steckt kein großer Konzern. Nicht, dass Thomas Zahn nicht versucht hätte, einen der Platzhirsche der Branche für die 260 Quadratmeter Verkaufsfläche und das 40-Quadratmeter-Lager im Erdgeschoss des von ihm vor zwei Jahren gekauften Gebäudes zu interessieren. Doch echte Neugier weckte er nicht; DM, Rossmann und Co geben sich heutzutage nicht mehr mit Größen unter 350 Quadratmeter ab.

Zahn hatte den Komplex mit der Hausnummer 4 nach dem Kauf zu Büroräumen für seine Zahn & Zahn Steuerberatungsgesellschaft umgebaut und dann bald die schlechte Nachricht vom Aus für seinen Hauptmieter im Briefkasten gehabt. Ob er die etwa 10.000 Euro Miet- und Nebenkostenrückstand, den die Kette noch bei ihm habe, jemals bekommen werde, wisse er nicht. Bekommen habe er nur ein „Dankeschönschreiben“. Tenor: Wir sind dann mal weg, die Schlüssel liegen im Laden, das Inventar kannst du behalten.

Letzteres hätte Zahn vielleicht wirklich tun sollen. Aber er konnte ja nicht ahnen, dass er die Einrichtung nochmal würde brauchen können. Nach dem Abprallen an den Konzernen meldete sich die Familie Glubrecht - ein Mühlheimer Ehepaar mit kleiner Tochter - bei ihm. Ob sie die Fläche unter der Steuerberatungsgesellschaft vielleicht mieten könne; eine Drogerie wäre doch was Schönes...

Zahn war ein bisschen überrascht und sehr begeistert. Er ließ im ganzen Laden einen neuen Boden verlegen und durchblicken, dass bei der Gestaltung bitte nichts mit der gequetschten Optik eines Schleckermarktes herauskommen soll. Der Wunsch wird ihm wohl erfüllt werden. Aktuell ist zwar noch nicht viel zu sehen, und wann genau im Februar der erlösende Tag kommt, steht noch nicht fest. Aber dass sich etwas tut im Innern des ein wenig schlauchförmigen Geschäfts, das ist längst rum im Städtchen. Zahn hat schon erste Reaktionen bekommen. Jemand, der sich über eine neue Drogerie nicht freuen würde, sei ihm bisher nicht begegnet, sagt er.

Offen bleibt bisher die Frage nach den Zukunftschancen des zweiten ausrangierten Mühlheimer Schlecker-Domizil, gleich um die Ecke. Um das Gebäude gibt es zwar Gerüchte von Abriss und Mehrfamilienhausbau, aber noch keine Fakten.

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