„Schlagerette“ erwacht aus dem Koma

Nach rund einem halben Jahr Zwangspause öffnet Gerdas kleine Weltbühne in Mühlheim wieder

Seit 16 Jahren mit Gerdas kleiner Weltbühne in der Willy-Brandt-Halle: Gerhard Stein, „die Gerda“ (links), und Jürgen Peusch, alias „Jutta P.“ Mit von der Partie: Poldi. archiv
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Seit 16 Jahren mit Gerdas kleiner Weltbühne in der Willy-Brandt-Halle: Gerhard Stein, „die Gerda“ (links), und Jürgen Peusch, alias „Jutta P.“ Mit von der Partie: Poldi. archiv

Jürgen Peusch erinnert sich an den 2. März, „da feierten wir Gerdas 70. Geburtstag im Café der Weltbühne“. Über den Tag verteilt kamen viele Gäste, wenn auch schon einige aus Angst vor dem Coronavirus lieber zu Hause blieben. Als der Lockdown dann kurz darauf begann und auch Gerdas kleine Weltbühne in Mühlheim die Schotten dichtmachen musste, agierte Peusch, der auf der Bühne die „Jutta P.“ gibt, erst mal wie auch andere unfreiwillige Urlaubnehmer, „irgendwann hast du aber jeden Schrank, jede Schublade aufgeräumt“.

Mühlheim – Anfangs hieß es, es könnte vielleicht im Mai wieder losgehen, „ich dachte mir schon, dass es vor dem Sommer ohnehin nichts wird“. Peusch erzählt, wie er sich irgendwann an gewohnter Stelle auf die Bühne stellte und sein letztes Programm durchging. Bis zum Stopp war die „Schlagerette“ erst zwei Wochen angelaufen. Das Programm verspricht dezidiert, auf Liedgut wie „Joanna“ und „Alice“ zu verzichten. Peusch prüfte, ob die Texte noch sitzen. Unwirklich habe es sich nach den vielen Wochen angefühlt, die sich mit einer normalen Sommerpause nicht vergleichen ließen, „du stehst da und alles wirkt seltsam fremd“.

Andere Bühnen wären als Ersatz niemals in Frage gekommen, schon gar nicht Autokinos, „dann klatschen die Leute mit den Wischern“. Die Travestie-Show lebe auch von der Interaktion mit dem Publikum, „schwer möglich, wenn das hinter Scheiben steckt“.

Aus gesundheitlichen Gründen tritt Peuschs Ehemann Gerhard Stein, Gründer und Namensgeber der kleinen Weltbühne, seit zwei Jahren nicht mehr auf. Aber wenn das Programm läuft, unterhält „die Gerda“ mit seinem Schlappmaul die Gäste vor der Show im Café.

Vor 16 Jahren zog das Theater ins Bürgerhaus um. Die Idee, von der Offenbacher Straße zu wechseln, habe sich aus einem Scherz von Bernd Müller entwickelt. Der damalige Bürgermeister empfand die Willy-Brandt-Halle so wie die meisten seiner Amtskollegen vor allem als finanziellen Klotz. „Für einen Euro könnt ihr es haben“, witzelte Müller. Ein Angebot, das sich ablehnen ließ. Aber die Fläche des einstigen Restaurants hatte mittlerweile sieben Jahre keinen Pächter mehr erlebt. Das Rathaus und die Weltbühne wurden sich einig.

Seit dem Lockdown verzichtete die Stadt auf die Pacht. Vernünftig, ansonsten hätte man den Abgang des wohl verlässlichsten Mieters der Bürgerhaus-Geschichte riskiert, hätte zum einen den Verlust eines Mühlheimer Aushängeschilds hinnehmen müssen, zum anderen das Risiko dauerhaften Leerstands.

Peusch gehört nicht zu den Charakteren, die jammern, auch wenn es ihnen gut geht. Für die meisten, die ihr Geld als darstellende Künstler verdienen, bedeuten die Pandemie-Maßnahmen mindestens eine massive Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz. „Was das betrifft“, sagt Peusch, „konnten wir ruhig schlafen“. Während der 46 Jahre auf der Bühne habe man für denn Fall gesorgt, dass sich irgendwann der Vorhang nicht mehr hebt.

Doch der soll sich erstmals am Freitag, 2. Oktober, wieder öffnen. Für die „Schlagerette“, die „im März so grandios anlief und nach zwei Wochen ins Koma gelegt wurde“, heißt es auf der Homepage des Travestie-Theaters. So wie immer wird auch bei Gerda erst mal gar nichts sein, erklärt Peusch. Die Pause entfällt. Statt sonst 70 Besuchern kann nur etwa die Hälfte der angemeldeten Gäste eine Show sehen. Jutta P. wird ihr Publikum gruppenweise zu den Plätzen führen. Unterwegs oder beim zwischenzeitlichen Gang auf die Toilette herrscht Maskenpflicht, auf den Plätzen nicht.

Karten und Infos

gerdas.de, Tel. 06108 75491.

(Von Stefan Mangold)

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