Spektakel in der Willy-Brandt-Halle

„Schmidt-Show on Tour“ - ein Knaller, so oder so

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Hüftsport mit allen Gliedmaßen: Hula-Hoop-Artistin Marina.

Mühlheim - Böse. Also genau richtig. Die „Schmidt-Show on Tour“, drittes Gastspiel des Hamburger Schmidt-Theaters in Mühlheims Willy-Brandt-Halle, hat sich als abgespeckte und doch würdige Fortsetzung des Reeperbahn-Kults erwiesen. Von Marcus Reinsch

Spätestens am Ende zeigt sich die „Schmidt-Show on Tour“ in der Willy-Brandt-Halle als eine dankbare Materie. Und in Symbiose zum Travestietempel Weltbühne nebenan als gewissermaßen doppelt runde Sache. Konrad Stöckel, wildmähniger Conferencier des Gastspiels, macht es selbst Zweiflern einfach, das Ganze als Knaller zu würdigen. Der Mann ist nicht die überdrehte Überleitung von einer Nummer zur nächsten. Er ist selbst eine Nummer. Eine der besten des ausverkauften Abends. Das mag inhaltlich an seiner Wortverspieltheit liegen, optisch an seiner Rundumtolle, akustisch an seinem einer komischen Oper würdigen Megaphonorgan. Und das liegt in diesem ungenierten Moment sicher daran, dass Stöckel („Wir sind ja nicht umsonst das Schmidt-Theater“) für besagten Kracher sorgt, indem er die Hose deutlich unter das Niveau eines Bauarbeiter-Dekollettés zieht, sich einen Böller zwischen die Backen klemmt und eine Zuschauerin verdonnert, die Lunte anzuzünden. Nicht, dass noch einer denkt, der Typ würde kneifen, bevor es knallt: Schambehaarung dürfte Stöckel fremd sein. Scham sowieso.

Das kann man offiziell mögen, das darf man auch heimlich mögen. Aber wer die Show gesehen hat und sich bei seinen Nachbarn am nächsten Tag beschwert, da sei eine Grenze gesprengt worden, ist ein Heuchler. Als in Stöckels Rücken die Funken sprühen, ist im Publikum kein einziges Gesicht zu sehen, das nicht lacht. Bewusst oder unbewusst.

Mühlheims Willy-Brandt-Halle ist quasi Keimzelle des reisenden Nordlicht-Humors. Mit den jeweils mehrmonatigen Gastspielen von „Caramba“ und „Schmidts Schlager-Sause“ hatte der schillernde Theaterchef Corni Littmann zwar vermutlich ein finanzielles Nullsummenspiel betrieben. So genau war das nie aus dem Mann herauszukriegen. Aber er hatte mit dem Export von Reeperbahn-Legenden in relative Ferne einen Fuß stabil in die Tür des Rhein-Main-Gebiets gestellt. Und sowas ist in der hart umkämpften Entertainmentbranche mindestens so viel wert wie ein Gewinn, der sich unmittelbar in Euro messen lässt. Sollte diesmal was übrig bleiben, was bei Eintrittspreisen zwischen 30 und 42 Euro möglich sein muss, streicht das die Bürgerhaus GmbH ein. Sie holte die Schmidt-Show als Beitrag zum 1200. Geburtstag Mühlheims diesmal in Eigenregie an den Main.

Für die Halle selbst, vor allem in den letzten Jahren der Vergleichbarkeit mit Massen von anderen Bürgerhäusern der Region um Etablierung als kleiner bis mittlerer Veranstaltungsort bemüht, erwiesen sich die Schmidt-Besuche als der berühmte Glücksfall. Als Inititialzündung, weil auch hier die Währung Bekanntheitsgrad nicht zu unterschätzen ist. Einst nur gemietete Licht- und Tontechnik gehört der Stadttochter dank des seither deutlich gesteigerten Interesses von Mietern jetzt.

Bilder: Die „Schmidt-Show on Tour“ begeistert Mühlheim

Die „Schmidt-Show on Tour“ reist im Vergleich zu den bis ins winzigste Detail gefeilten Themenproduktionen von damals nur mit kleinem Gepäck. Was die Kulisse betrifft - in Mühlheim kommt die mobile Variante der Show, mit der es das Schmidt-Theater in den Neunzigern ins Fernsehen und in die bundesweite Berühmtheit schaffte, mit einem Portal, einem Schriftzug, einem Flügel, Hula-Hoop-Reifen, besagten Feuerwerken im realen und übertragenen Sinne und einigen effektiven Lichtstimmungen aus.

Und auch personell. Ohne zu viel zu verraten, weil heute und morgen noch zwei Shows laufen: Die Darsteller müssten nicht mal ein großes Auto nehmen, um gemeinsam von Engagement zu Engagement zu reisen. Sie sind zu fünft: Besagter Stöckel, der als Multifunktions-Comedian leicht für drei oder vier zählt. Außerdem der Hingucker des Abends, die bei einschlägigen Festivals preisgekrönte Hula-Hoop-Artistin Marina, die mit ihren erstaunlichen Reifen nicht nur wegen ihrer ukrainischen Heimat möglichst lange im westeuropäischen Comedy-Markt leben sollte. Und Michael Eller. Der zählt mittlerweile auf den Bühnen von dank sehr spezieller Klientel auch als Gag-Lieferant mehr als brauchbaren Kreuzfahrtschiffen zum geliebten Inventar.

Klasse: Bauchredner Tim Becker. Der haucht seinem schlappohrigen Kompagnon K. Nickel so überzeugend Leben ein, dass noch Zeit bleibt, um zwei willige Gäste Lippen und Gliedmaßen zum Lied vom Mops in der Küche bewegen zu lassen. Publikumsliebling jedoch ist Daniel Helfrich an seinem Flügel. Er firmiert als Musik-Comedian, zeigt mit seinen Liedern aber die Gaben eines 1a-Kabarettisten. Und dass die leichte Variante einer Show-Legende bei ihren Akteuren nicht auf die zweite Garnitur zurückgreifen muss. Genug, um auch im gerade vom opulenten „Caramba“ verwöhnten Publikum fast jeden glücklich zu machen. Weniger ist hier zwar nicht mehr. Aber es ist eben auch nicht weniger.

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