Vom Schuhputzer bis zum Direktor

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Blick in ein bewegtes Leben: Ein Besuch bei Herbert Isaak, Sohn des einstigen Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Mühlheim, der seit 1940 in Buenos Aires lebt.

Buenos Aires/Mühlheim - Beruti 3724. An der Scaratrini Ortez aussteigen und die Araoz herunter. Der Straßenzug im Stadtteil Palermo ist unauffällig, Appartementhäuser aus den 70ern reichen bis an den Gehsteig. Dort wohnt Herbert Isaak. Von Michael Prochnow

Die raumhohen Fenster hinter den Balkonbrüstungen geben Blicke ins Leben der Bewohner frei. Herbert Isaak schließt mit einem Lächeln die schwere Haustür auf, bittet den Gast in die Lobby und den Aufzug. Der führt direkt in die Wohnung, die sich der Ex-Mühlheimer und seine Familie gemütlich eingerichtet haben.

Buenos Aires ist die zweite Heimat von Herberto, wie sie ihn hier nennen, seit dem er elf Jahre alt war. Hals über Kopf verließ die jüdische Familie im Dezember 1939, eine Nacht vor Heiligabend, die Mühlenstadt. Das heißt, nur die Mutter und vier von fünf Söhnen. „Arnold war schon 1938 in die USA gegangen und kehrte als amerikanischer Soldat zurück nach Mühlheim. Das war schon schwierig.“ Der Vater bekam keine Papiere, weil er angeheiratet war, erzählt der mittlere Sohn.

Sie fuhren mit dem Zug über Frankfurt nach Genua, von dort ging es per Schiff nach Südamerika. „Onkel und Tante war schon da“, erklärt Isaak die Entscheidung. „Am 18. Januar 1940 kamen wir hier an“, erinnert er sich. In der Metropole am Rio Plata wurden die Jungs auf die Verwandtschaft verteilt. Herbert verschlug es zu einem Cousin, der ihm gleich bei der Arbeitssuche half.

Jüdische Schule in Offenbach fast beendet

„In Buenos Aires wollte ich sofort die deutsche Sprache vergessen.“ Es ist ihm nicht ganz gelungen, wie seine klaren Schilderungen zeigen. Im „colegio“, der weiterführenden Schule, musste er noch mal ein paar Jahre büffeln, obwohl er die jüdische Schule in Offenbach schon fast beendet hatte. Die Mutter hatte sie damals in die Einrichtung geschickt, nachdem Klassenkameraden Arnold mehrere Zähne ausgeschlagen hatten. „Alles wegen der Nazi-Propaganda.“

In La Boca, dem Hafenviertel der Hauptstadt, in dem die Übersiedler zuerst argentinischen Boden betraten, hatte sich Herbert eine Schuhputzkiste organisiert. Damit könnte man heute auch noch Geld machen, schlürfen doch durch den „camino“, den „Weg“ mit seinen bunten Häusern, täglich hunderte Touristen.

„Ich hab nach dem Unterricht mit einem Pferdewagen Brot ausgetragen“, kommt es dem Jungen von einst wieder, als wäre es vergangene Woche gewesen. Dann hat er Bücher aus der Bibliothek zu ihren Lesen gebracht. Alles, damit sie die Miete und etwas zu essen kaufen konnten.

Vater Leopold war der letzte Leiter der jüdischen Gemeinde in Mühlheim. Immer wieder ermutigte er den verbliebenen, kleinen Kreis der Gläubigen. Ohne Furcht kämpfte er für den Erhalt der Synagoge in der heutigen Friedrichstraße. Vergebens. 1942 erfuhren sie in Argentinien, dass auch er abgeholt worden war. „Es ist seltsam, wenn jemand aus der Familie einfach verschwindet, wenn man ihn nicht mehr sieht“, sagt Herbert Isaak.

Er begann als Laufjunge im Hafen

Am Rio Plata blieb die Zeit nicht stehen. Herbert installierte mittlerweile Wasserleitungen. Mit 18 begann er eine Ausbildung im Handel mit Rohwolle. Er begann als Laufjunge im Hafen, bald wurde er Haupteinkäufer. Sein Erfolg war unaufhaltsam, bereits mit 20 war er Direktor. Isaak zog es aber vor, eine eigene Firma zu gründen, die mit Wolle handelte. Dabei verlor er nie sein oberstes Ziel aus dem Blickfeld: die Brüder und seine Mutter zu unterstützen. Josef überließ er gar die „Lamex“, übernahm sein Werk aber später wieder selbst. Juwelier Lothar und die Mutter führten jetzt ein Schmuckgeschäft.

Herbert Isaak verwirklichte weitere Geschäftsideen. Im Hafen baute er einen Export von Sandalen auf. 20 Arbeiter und neue Maschinen standen bereit, als die Perron-Regierung die Produktion verstaatlichte.

Der Unternehmer gab nicht auf und richtete in Barracas eine Wollwäscherei ein. Für ein Depot für den Rohstoff kaufte er Grundstücke, doch diesmal kam ihm ein Preisverfall in die Quere. In den 70er Jahren folgte der nächste Neustart: Er kaufte ein uriges Backsteingebäude im feineren Stadtteil San Telmo, renovierte die Gewölbe im Inneren und richtete das Café Konzert ein. Namhafte Jazz-Musiker und Tango-Künstler wie Astor Piazzolla gaben sich da die Klinke in die Hand, machten das Lokal rasch weltbekannt.

1975 hatte er seine zweite Frau Maria geheiratet. Der Ehemann und Vater eines Text-Künstlers und einer Journalistin wechselte auf den Markt mit Lebensmitteln, verkaufte Rosinen und Zwetschgen. Schließlich exportierte er Säfte. „Du musst immer Vertrauen zu deinen Mitarbeitern haben“, verrät er sein Erfolgsgeheimnis. Den Getränke-Großhandel hat er der 83-Jährige erst in diesen Tagen abgegeben.

Half Geschichtsverein bei Buchveröffentlichungen

Jetzt also wohnt er in Palermo, den Stadtteil, in dem Präsidentengattin Eva Perron ein Waisenhaus eröffnet hat. Intensiv hat Herbert Isaak an der Aufarbeitung der Nazi-Zeit in Mühlheim mitgearbeitet. Mit seiner Hilfe hat der Mühlheimer Geschichtsverein mehrere Bücher veröffentlicht. Er besuchte vor zwei Jahren mit den Brüdern die alte Heimat und verlegte so genannte „Stolpersteine“ in der Altstadt, wo Juden gelebt haben. Offen spricht er über die Hakenkreuze am Haus der Familie in der Leopoldstraße, das Fahnenmeer an Hitlers Geburtstag und darüber, „wie man sich fühlt, als Kind verfolgt zu werden“.

„Es ist alles ein Kopfproblem, diese Generation hat eine primitive Erziehung genossen“, resümiert er. „Blinder Gehorsam verbessert die Welt.“ Aber Isaak baut auf die Jugend. Und denkt dabei an die eigene Kindheit: Als sie mit Schlittschuhen auf der Rodau fuhren, wo sie im Sommer gebadet und Fische gefangen haben. Auf den Wiesen am heutigen Bürgerpark haben sie im Herbst Spaziergänger mit ausgehöhlten Kürbissen erschreckt.

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