Der harte Kern will weitermachen

Schwere Zeiten für den Mühlheimer Männerchor Sängervereinigung Harmonie-Polyhymnia

Dieses Jahr nicht möglich: Das Friedhofssingen in Lämmerspiel mit dem Männerchor Harmonie Polyhymnia muss coronabedingt entfallen.
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Dieses Jahr nicht möglich: Das Friedhofssingen in Lämmerspiel mit dem Männerchor Harmonie Polyhymnia muss coronabedingt entfallen.

„Die besten Jahre sind vorbei“, da sind sich die Männer von der Vereinsspitze einig. Günther Schroth und Willi Kohl, Vorsitzender und dessen Stellvertreter des Männerchors Sängervereinigung Harmonie-Polyhymnia Lämmerspiel, sprechen nicht über sich, sondern über ihren Verein.

Mühlheim – 2014 erlebten die Aktiven mit dem Einstieg der mitreißenden Chorleiterin Pavlina Georgiev neuen Schwung, auch die Kooperation mit dem Liederzweig Steinheim eröffnete dem Dutzend Sänger wieder Perspektiven. Doch Versammlungsverbote wegen Corona lassen nun weder Proben noch Auftritte, noch gesellige Treffen zu.

Dabei zählte die Gemeinschaft einst zu den rührigsten im Ort. Auch für dieses Jahr hatte der Vorstand eine Reihe von Terminen festgeklopft – „alle abgesagt“, kommentiert Schroth trocken. Bereits vor 18 Jahren feierten sie letztmals an beiden Pfingstfeiertagen ihr Sommerfest, danach wegen fehlenden Personals nur noch am Montag, seit gut zehn Jahren gar nicht mehr. „Da standen immer dieselben Leute von morgens bis abends am Bierhahn“, sagt der Leiter.

Auch die Erbsensuppe zum Fastnachtsumzug gibt’s nicht mehr. Der frühere Chefkoch vom Landhaus Waitz und Sänger, Josef Bauer, stand am Herd. „Wir haben es dann gelassen, weil der Zug eine andere Richtung einschlug und die Narren mit dem Rücken zum Topf standen“, erläutert Schroth. Vor einem Vierteljahrhundert lud der Verein sogar noch zum eigenen Maskenball ein: „Wir haben uns die Nacht um die Ohren gehauen und gerade 300 Mark übrig gehabt“, begründet der Sprecher den Verzicht.

Neue Sangesfreunde seien einfach nicht mehr zu finden. Regelmäßig haben die Getreuen Flugblätter in Neubaugebieten verteilt – kein einziger Adressat folgte der Einladung. Mittlerweile sei „der halbe Chor jenseits der 80“, blickt Schroth auf sein rundes Wiegenfest in diesen Tagen. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie übten Lämmerspieler und Steinheimer wechselweise in den jeweiligen Sälen.

Bis Oktober trafen sich einige Sänger einmal monatlich „bei Susi“ in der Gaststätte des Turn- und Fechtclubs Steinheim und in der Kleinen Kneipe an der Hausener Straße, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. „Es wäre schön, wenn’s vor Weihnachten noch mal klappen würde“, hofft Kohl, „der harte Kern will weitermachen“. Jetzt können sie am Totensonntag nicht einmal die verstorbenen Mitglieder des Vereins ehren, verdeutlichen die Männer die Situation.

Auch die Ehrung treuer Sänger und Förderer fällt flach, die Jahreshauptversammlung ist erst mal aufs kommende Jahr verschoben. So zehren die Aktiven von ihren Erinnerungen an große Auftritte, an Wochenenden im Rhönhotel und schöne Vereinsausflüge. „Die Erinnerung kann uns keiner nehmen“, betont Schroth. Er trat mit einige Freunden vor 65 Jahren in den Chor ein. Da stand er mit 15 Jahren ganz vorne auf der Bühne der Stadthalle Hanau, erzählt er, vor ihm der unvergessene Dirigent Niko Sendlbeck und ein brechend voller Saal. Schon nach wenigen Jahren saß Schroth als Beisitzer im Führungsgremium. Fast zehn Jahre war er Schriftführer, seit 2001 ist er Vorsitzender.

Der Verein geht zurück auf die Harmonie, die im Jahre 1901 von 18 Männer gegründet wurde. Schnell wuchs er auf 60 Stimmen an. 1934 schlossen sie sich mit den Kameraden des Brudervereins Polyhymnia zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg beeindruckten 70 Bässe und Tenöre unter Leitung von Dirigent Sendlbeck die Zuhörer bei Festen in der Region. Er sollte sie 50 Jahre lang führen, ihm folgte 1997 Dr. Klaus Seikel und vor sechs Jahren die Chorleiterin, Sopranistin und Gesangspädagogin Pavlina Georgiev. (Von Michael Prochnow)

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