Mit dem Bike über den Brenner

Seit 1984 ist die Mühlheimer Motorradgruppe der Naturfreunde gemeinsam auf den Straßen unterwegs

Gerd Katzmann (rechts) und Jens Klein
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Motorradfans und Naturliebhaber: Die Touren der Naturfreunde-Motorradgruppe planen Leiter Gerd Katzmann (rechts) und sein Nachfolger Jens Klein stets so, dass sie beiden Leidenschaften gerecht werden.

„Heizer Gerd“ haben sie ihn genannt. Er knatterte voran auf einer Honda CM 250 T mit 27 PS auf die Dolomiten-Gipfel. Das war 1984. Gerd Katzmann verspürte das Bedürfnis, seine Eindrücke mit anderen zu teilen – und gründete in seiner Heimat, dem Naturfreundehaus Am Maienschein, eine Motorradgruppe.

Mühlheim – Nach eingehenden Beratungen, ob denn Reisende, die über einem Auspuffrohr hocken, die Natur lieben können, entschied der Vorstand: Ja. Die Mitglieder der neuen Abteilung „Motortouristik und Camping“ verstanden sich nämlich nicht als Kilometerfresser oder Raser, sondern als Interessierte an Landschaft und Kultur. Die der Steiermark lernte ein Dutzend Krad-Fahrer auf der ersten Tour im September 1984 kennen. Die zweite ließ sich Leiter Katzmann von einer Agentur für Motorradreisen in München ausarbeiten – damals noch mit reichlich Schriftverkehr und einer detaillierten Routenplanung für die Dolomiten. Parallel trafen sich auch Lenker von Wohnwagen-Gespannen, die Camping-Freunde hielt es jedoch nicht lange in der Gemeinschaft, berichtet der langjährige Fachgruppensprecher Katzmann.

„Uns geht es nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen“, betont er. Darum bevorzugen die Krad-Fahrer Landstraßen, die sich in Serpentinen die Berge hinauf- und hinabwinden. „Was haben wir nicht alles entdeckt, was wir sonst nie gesehen hätten“, schwärmt der ehemalige Polizist und erzählt vom Reschberghaus in der Illerschleife bei Memmingen, das nur durch ein Maisfeld erreichbar war. Prospekte und Fotos von mehr als 100 Museumsbesuchen hat er in dicken Ordnern abgeheftet.

2017 sind sie von Garmisch-Patenkirchen über die alte Brennerstraße nach Stüdtirol gerollt. Organisator Katzmann erzählt von Brixen und Bozen, von der Seilbahnfahrt auf den Berg Ritten. „Damals war es so heiß, dass wir uns anstatt mit der dicken Motorrad-Kluft in einem klimatisierten Bus bewegt haben“, gesteht der 78-Jährige. „Das ist eigentlich ein Frevel, aber bei 35 Grad in Lederklamotten zu stecken, ist kein Vergnügen.“

Dem Zweirad-Ritter leuchten die Augen, wenn er berichtet, wie man im ersten oder zweiten Gang vor den Kurven „gut ausholt, mit der Maschine jongliert und Hindernissen ausweicht“. 2010 hatten sie Ebbs bei Kufstein auf dem Plan. Die Jahres-Abschlusstour sollte wieder durch Thüringen führen, mit einem Aufenthalt im Hotel Frankenblick, das noch ganz im DDR-Stil gehalten sei, skizziert der Zweirad-Fan.

Die Gruppe hat als Jahres-Einstieg immer das Himmelfahrt-Wochenende gewählt. Die Urlaubstour lief über sieben Tage, der Abschluss-Ausflug wieder über drei. „Um den Einheits-Feiertag ist meistens schlechtes Wetter, darum sind wir zuletzt Mitte September gefahren.“ Die Tages-Exkursionen starteten stets am Hallenbad, die größeren an der „Blauen Lagune“, der Tankstelle an der B 448 vorm Tannenmühlkreisel bei Hausen.

„Wir haben viele Orte in Deutschland kennengelernt, Vulkaneifel und Hunsrück, Glockengießerei und Brauerei“, die Rappbodentalsperre im Harz und die Brockenbahn“, schwärmt auch Jens Klein, seit zwei Jahren Nachfolger von Gerd Katzmann. „Einmal im Jahr sind wir unter Tage, lassen uns durch ein Kohle- oder Silberbergwerk wie in Bodenmeis oder Oppenheim führen.“ Meistens sind dieselben zehn, zwölf Leute dabei, „man kennt Fahrstil und Bremsverhalten der anderen“, sagt Klein, „aber jeder ist herzlich willkommen“.

Der 54-Jährige ist Monteur bei den Offenbacher Verkehrsbetrieben, steuerte lange eine Enduro MTX 80. „Ich habe mit 16 angefangen, mir eine Honda VFR 1200 F gekauft“, erinnert er sich. Inzwischen sitzt er auf einer BMW 1150 RT. „Wir hatten All-inclusive-Ferien gebucht, das war stinklangweilig“, blickt er zurück. Heute sitzt die ganze Familie im Sattel. Die Strecken werden im Internet erstellt, jeder hat ein Navi am Lenker und Funk im Helm.

Katzmann wälzte als stolzer Besitzer einer Meico Blizzard 250er mit Stollenreifen für die Tour-Planung noch Bücher. Die Ausfahrten begleitet der Senior mit seiner Lebensgefährtin mittlerweile mit dem Kombi, in dem er Gepäck transportiert und die Helme der Kameraden aufnimmt, wenn’s zu Besichtigungen geht. Seit 1986 trafen sich Biker auch zum Sicherheitstraining, bis zum Beginn der Corona-Pandemie war am zweiten Freitag im Monat Stammtisch im Naturfreundehaus. (Von Michael Prochnow)

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