Ein Seminar mit Wau-Effekt

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„Gib mir die Zehn“, fordert Hundetherapeutin Sandra Kowalski ihren Vierbeiner auf und Border Collie-Hündin Lara schlägt ein.

Mühlheim - Am liebsten würde Gina wohl unter den Bodenbelag und erst dann in die Mitte des Stuhlkreises kriechen. Die Hündin hat Angst. Ihr Herz pocht so stark, dass ihr Brustfell zittert. „Na komm her“, lockt sie Sandra Kowalksi. Von Katharina Hempel

Den Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt, folgt Gina schließlich ihrem Frauchen und läuft geduckt ins Zentrum der Sitzrunde. 23 Paar Kinderaugen tun dabei so, als würden sie Gina gar nicht sehen. „Ihr dürft Hunden, die Angst haben, nicht in die Augen starren. Das ist für sie das Zeichen vor dem Kampf“, hat ihnen Sandra Kowalski davor eingeschärft.

Die 37-Jährige ist mobile Hunde therapeutin. „Viele verstehen die Körpersprache ihres Tieres nicht. Dabei liegt das Problem nicht am Hund, sondern am anderen Ende der Leine“, erklärt sie. Als „Mobi Dog“ besucht die Altenstädterin diese Woche die Kindertagesstätte „Die wilden Zwerge“. Bei ihr lernen die Kleinen den richtigen Umgang mit dem treuen Vierbeiner. „Ungefähr 65.000 Kinder werden pro Jahr vom Hund gebissen“, erklärt Sandra Kowalski. „Das liegt nicht daran, dass der Hund unberechenbar ist, sondern das Kind. Deswegen versuche ich den Kindern spielerisch zu vermitteln, wie sie reagieren sollen.“

Sicherer im Umgang mit Vierbeinern

Darum hat auch Kita-Leiterin Angela Hart den Hundeprofi eingeladen: „Es gibt immer wieder Kinder, die nicht wissen, wie sie mit Hunden umgehen sollen. Wir hoffen, dass sie durch den Kurs sicherer im Umgang mit Hunden werden.“

Zur Unterstützung bringt die Therapeutin drei Hunde mit. Gina und Lara sind Border Collies aus Fleisch und Blut, Mobi ist ein Dalmatiner aus Stoff. Die echten Hunde bringt Sandra Kowalski erst kurz vor Kursende in den Gruppenraum.

Mobi sitzt in der Mitte des Stuhlkreises und soll Leckerli bekommen. Lara aus der Tigerenten-Gruppe hat zuhause selbst einen Hund und zeigt den anderen Drei- bis Sechsjährigen, wie’s geht: Sie legt das Stück Trockenfutter auf ihre flache Hand und hält sie vorsichtig vor die Schnauze. „Wenn es runterfällt, Leckerli immer liegen lassen. Der Hund ist schneller als ihr“, erklärt Sandra Kowalski. „Wer will als nächstes?“ Ein dutzend Arme recken sich ihr entgegen. Lucia, Hendrik, Noah und die anderen üben immer wieder das gleiche: Leckerli hinhalten, fallen lassen und nicht aufheben - wer es doch tut, bekommt Mobis Plüschschnauze auf seiner Hand zu spüren.

Nach so vielen Naschereien muss Mobi sich bewegen. Die Tigerenten-Gruppe spielt „wie ein Baum“. So lernen sie, wie sie sich verhalten, wenn ihnen ein Hund nachläuft. „Rennt ein Hund auf euch zu, dann dürft ihr nicht wegrennen, sonst denkt er, ihr seid seine Beute. Bleibt still und steif stehen“, sagt die Hundetherapeutin.

Die Signale des Hundes verstehen

Nach einer Malpause erfahren die „Wilden Zwerge“ noch, dass sie Hunde nur streicheln sollen, wenn diese auf sie zukommen und sie in Ruhe lassen sollen, wenn sie weggehen. Dass sie schlafende Hunde nicht wecken sollen und dass Hunde ein empfindliches Gehör haben.

Sandra Kowalski wartet, bis es ganz still ist im Stuhlkreis. Dann holt sie ihren Hund Lara rein und die Tigerenten-Gruppe zeigt, wie gut sie davor aufgepasst hat. Lara wedelt durch die Runde, frisst, was die flachen Hände ihr hinhalten. Schließlich holt Sandra Kowalski noch ihre ängstliche Hündin Gina hinzu. „Es hilft Kindern, die Angst vor Hunden haben, wenn sie erleben, dass es auch Hunde gibt, die Angst vor Menschen haben.“

Die Kinder versuchen, Gina nicht anzustarren und langsam beruhigt sie sich. Ihr Herzschlag auch. Dann bringt die ängstliche Hündin die Tigerenten mit ihren Kunststücken zum Staunen. Sie niest auf Kommando, läuft Slalom durch die Beine ihres Frauchens und rollt über den Boden. Sogar ihr Schwanz fängt langsam zu wedeln an.

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