Sind Leben und Literatur identisch?

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Der Klavierspieler Tang las im Schanz aus „Die zwei Leben des Herrn Richie“ vor.

Mühlheim - Manche Bücher sind einfach zu schade, um nur gelesen zu werden. Sie müssen vorgetragen, gespielt, ja gelebt werden. Von Michael Prochnow

Wie das funktioniert, demonstrierten 13 Leseratten am internationalen „Tag des Buches“ in der Kulturhalle Schanz, wo das Schanz-Team professionell wie stimmungsvoll auch diesen Anlass in Szene gesetzt hatte.

Wechselweise rezitierten Mühlheimer aller Generationen von der Theke aus, von einem Barhocker am Eingang, von einem Pult neben der Technik oder von der Empore über der „Fledermausbar“, links neben der Bühne.

Nicole Bieker lenkte als erste die Blicke der Besucher nach dort oben. In Alex Shearers „Hexenfalle“ steckt ein junges Mädchen im Körper einer alten Dame, die Antidepressiva schlucken muss, ihr Gebiss vertauscht, sticken und stricken soll.

Den „Radau“ der Musiksendung „Top of the Pops“ oder der „Simpsons“ haben die Mitbewohner einstimmig abgelehnt, was immer wieder leises Gelächter an den Tischen unten auslöste. Das gelang auch Klaus Puth, dem „Herrn über Gänse und Kühe“. Der bekannte Grafiker und Autor ließ die Rindviehcher Yoga üben – und den „Weide-Macho“ Erich mächtig staunen.

Köstliche Lehrstunde türkisch-deutscher Begegnungen

Zu den Schreibern muss auch Melvin Bauch gezählt werden. Als hätte er mit seinen neun Jahren nie etwas anderes getan, plauderte er selbstbewusst und begeistert von seinem Lieblingsbuch: „Nennt mich nicht Ismail“, klagt der gleichaltrige Held der Erzählung von Michael Gerard Bauer. Waltraud alias Franka Klein führte zauberhaft in „Die Stadt der träumenden Bücher“, die der Schriftsteller Walter Moers aufgebaut hat. Die Kundin des Buchladens in der Bahnhofstraße ging mit ihren Zuhörern „in ein verschwenderisch illustriertes Buch spazieren“, in eine Stadt, in der „Leben und Literatur identisch“ sind. Georg „Schorsch“ Weissmann warnte mit dem Vorwort von Stephanie Cooke vor dem „Atom – die Geschichte des nuklearen Zeitalters“, die bereits vor Fukushima erschienen ist.

Eine köstliche Lehrstunde türkisch-deutscher Begegnungen hat Serap Eryilmaz übersetzt. Die Gymnasiastin stellte „Europa heute“ nach Aziz Nesin vor, in dem Geschäfte scheitern, weil die türkischen Gastgeberinnen den Gästen aus Deutschland permanent Speisen auftischen.

Vor der Pause stellte der Künstler Tang, der alle Beiträge mit sanften Klavier-Klängen begleitete, „Die zwei Leben des Herrn Richie“ vor, eines Bürohengsts, der auf zwei Planeten lebt und zum „Geheimnis für Glück und Zufriedenheit“ führt.

Im zweiten Teil traten so prominente Zeitgenossen wie der heimische Kinderbuchautor Helge Nyncke an, Ilona Goldmann vom Markwald-Theater, Schreinermeister und Kolping-Elfer Wolfgang Kramwinkel, Lucia Schilling und Alexandra Ilickovic sowie der designierte Bürgermeister Daniel Tybussek. Er vermittelte „Mein Leben als Mensch“ von Jan Weiler, die anderen schwärmten für Werke von Astrid Lindgren, Georg Sand und Sergio Bambaren sowie aus der eigenen Feder.

Unterricht der Klöster zielt darauf, künftige Mönche zu gewinnen

Die Veranstaltung diente auch einem guten Zweck: Auf 450 Euro hatte die Schanz-Leitung die Spenden aus zwei Hüten aufgerundet, die während der Pause die Runde machten. Damit finanzieren der Mühlheimer Bäckermeister Günter Hoffmann und sein Sohn Malte Löhne und Material für die Schneiderwerkstatt der SMD Bordingschool for Himalayan Kids. Sie bietet rund 600 Kindern in Boudha bei Kathmandu in Nepal Unterkunft, Ernährung, medizinische Versorgung und eine Schulausbildung.

Während die staatlichen Schulen des Landes kostenpflichtig sind und so viele Kinder ärmerer Familien ausschließen, zielt der Unterricht der Klöster darauf, künftige Mönche zu gewinnen. Die Bordingschool soll eine Alternative anbieten. Hoffmann sammelt seit seit acht Jahren Spenden für das Projekt des Nepalesen Thrangu Ringpoche. Der Mühlheimer schätzt neben der „atemberaubenden Natur und die sehr interessante Kultur“ die Warmherzigkeit und Offenheit der nepalesischen Bevölkerung. Diese Erfahrungen bewegten ihn, Geld an der Korruption im Land vorbei direkt an die Schule zu bringen. Für Sohn Malte, der fünf Monate in Boudha mitarbeitete, ist die Schule „wie ein zweites Zuhause“ geworden..

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