Schüler beteiligen sich an Wanderausstellung

„Der Weg der Sinti und Roma“: Minderheit als Sündenbock

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Schüler von FEG und FES mit den von „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ verliehenen Zertifikaten.

Mühlheim - Bei der Wanderausstellung „Der Weg der Sinti und Roma“ wollen Jugendliche der Friedrich-Ebert-Schule und des -Gymnasiums ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen. Zur Eröffnung gab Rinaldo Strauß vom Landesverband deutscher Sinti und Roma Einblicke in 600 Jahre Geschichte. Von Stefan Mangold 

Rassismus gehört zu den besonders törichten Disziplinen. Der Rassist denkt, Angehörige von Ethnien seien bestimmte charakterliche Eigenschaften in die Wiege gelegt, egal, in welchem Kontext sie aufwachsen. Es gibt auch die positiven Klischees, die Ethnien zugeschrieben werden: Der Deutsche ist pünktlich, der „Zigeuner“ musikalisch. „Ich kann nichts spielen“, betont Rinaldo Strauß, der stellvertretende Geschäftsführer des Landesverbands deutscher Sinti und Roma in Mühlheims Jugendzentrum (Juz). Dort wollen Schüler der Friedrich-Ebert-Schule und des -Gymnasiums bei einer Wanderausstellung auf die Diskriminierung von Sinti und Roma aufmerksam machen. Unterstützung bekommen sie dabei auch von der Partnerschaft für Demokratie im Kreis Offenbach und damit der Awo sowie von der Stadt. Initiator ist der hessische Landesverband deutscher Sinti und Roma.

Um Bürger durch die Ausstellung zu führen, nahmen die Jugendlichen an einer Fortbildung mit dem Antiziganismusforscher Dr. Udo Engbring-Romang teil, der die Schau konzipierte. Dafür erhielten die Schüler neben Zertifikaten auch lobende Worte von Bürgermeister Daniel Tybussek: „Ich bedanke mich an dieser Stelle bei den teilnehmenden Jugendlichen für ihr außergewöhnliches Engagement und bei der Arbeiterwohlfahrt, die den Teilnehmern die nötige Plattform für ein gutes Gelingen des Projekts zur Verfügung stellt. Ich möchte den Besuch allen Bürgern ans Herz legen, da leider auch noch heute Diskriminierung und Rassismus ein gegenwärtiges Thema darstellen.“

In der Literatur steht die „Zigeunerin“ für sinnliche Sehnsucht, wie die Esmeralda aus „Notre Dame de Paris“ von Victor Hugo oder die Carmen, der Georges Bizet mit seiner Oper zu Ruhm verhalf. Figuren, die zu dem gehören, was Strauß „Zigeunerbilder“ nennt, die sich über die Zeit entwickelten, wie im Juz skizziert wird. Strauß spricht über die 600 Jahre Geschichte der Roma in Deutschland, die in der Ausstellung gezeigt werden. Der Startschuss zum Ende des Mittelalters gestaltete sich in einer Epoche der Umbrüche alles andere als günstig. Frühformen des Kapitalismus und der Lohnarbeit seien ebenso entstanden wie moderne Territorialstaaten: „In Zeiten der Unsicherheit müssen Minderheiten als Sündenböcke herhalten.“

Des Weiteren zitiert der 44-Jährige aus Martin Luthers Schrift „Von den Juden und anderen Lügen“. Der Reformator empfiehlt, „das verdammte Volk der Juden“ zu behandeln, „wie die Zigeuner“. Das Leid der Roma kulminierte im Nationalsozialismus, als eine halbe Million Menschen von ihnen ihr Leben verlor. In seiner im Gefängnis geschriebenen Autobiografie „Meine Psyche“ spricht der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß davon, die Insassen des Zigeunerlagers hätten lediglich darunter gelitten, „dass sie ihrem Trieb umherzuziehen nicht mehr folgen konnten“. Bis der Eiserne Vorhang fiel, waren die Sinti, wie sich die deutschen Roma nennen, kein großes Thema der Mehrheitsgesellschaft. Entgegen der lange Zeit herrschenden Meinung, reisen die meisten nicht umher, sondern haben feste Wohnsitze und Arbeitsplätze.

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Seit den 90ern kommen Roma aus Osteuropa nach Deutschland, um nicht selten im Schlafsack oder zu zehnt in einem Zimmer zu landen. Nicht zu leugnen sind Probleme mit vielen Roma. Die Wahrnehmung von Eigentumsdelikten, Müll und Krach beruht nicht immer nur auf Vorurteilen, sondern auch auf Erfahrungen, selbst wenn Strauß nicht zu unrecht zu bedenken gibt, „viele halten Leute für Roma, die keine sind“. Strauß erzählt von Sinti, die aus Sorge um ihre Existenz ihre Herkunft verschweigen. Der Inhaber eines Schlüsseldienstes fürchtet, die Leute dächten, „der Zigeuner räumt mir die Bude aus“. Einem hessischen Bürgermeister bangt es, nicht wegen seiner Politik, sondern seiner Herkunft die Wahl zu verlieren.

„Steht ein Sinti vor Gericht, ist das der kriminelle Zigeuner“, konstatiert Strauß, „ein Uli Hoeneß oder eine Alice Schwarzer sind hingegen nicht die vorbestraften Deutschen“. Der Verbandsfunktionär wünscht sich, dass die Behörden gegen osteuropäische Roma-Eltern genauso vorgehen wie gegen deutsche, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken: „Es herrscht Schulpflicht. Für alle.“

Am Donnerstag, 25. Oktober, führen Schüler von FEG und FES von 18.30 bis 20 Uhr im Jugendzentrum (Rodaustraße 16) Bürger durch die Ausstellung. Sie wird noch bis zum 2. November zu sehen sein.

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