Firma Dienes in Mühlheim

Spezialfäden mit Zukunftspotenzial

Mühlheim - Steffen Müller-Probandt hält bei der Firma Dienes in Mühlheim alle Fäden in der Hand. Das Unternehmen stellt Maschinen für Spezialgarne her, und ist damit sehr erfolgreich. Von Michael Eschenauer 

Man sieht sie förmlich vor sich: Die Urgroßmutter mit dem guten „Amann-Titan“-Eisenzwirn, wie sie Opas Hirschhornknöpfe an den Trachtenjanker näht oder mit dem hölzernen Stopf-Ei die Socken ausbessert. Nichts gegen die Künste der Altvorderen, aber Steffen Müller-Probandt (60), Inhaber der Firma Dienes im Mühlheimer Gewerbegebiet, hat rein gar nichts zu schaffen mit derlei Folklore. „Wir sind eine Firma, die tätig ist im Sondermaschinenbau für innovative Hochleistungsgarne, die höchsten Belastungen standhalten“, fasst der Unternehmer, der an der TU Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau studiert und nach leitenden Tätigkeiten in diversen Firmen für Textilmaschinenbau Ende 2005 Dienes übernommen hat, die Tätigkeitspalette seiner Firma zusammen.

Der agile Mittelständler und seine Leute schlagen ihre Schlachten auf einem hochspezialisierten Felde, bei dem weltweit nur wenige Kombatanten aufeinandertreffen. Dienes wurde im Jahre 1930 von Fritz Dienes in Mühlheim gegründet. Zunächst stellte man elektrische Spielsachen und Werkzeuge her. Es folgten nach dem Zweiten Weltkrieg Heizer für den industriellen Einsatz. Bis Ende 1950 hatte sich eine enge Zusammenarbeit mit der Textilindustrie und den Produzenten künstlicher Fasern eingestellt. Es folgte die Spezialisierung auf Heiztechniken, die in der Faser-Produktion Anwendung fanden. „Perlon“ war eines der Haupteinsatzgebiete von Dienes. In den Jahren darauf entwickelte und perfektionierte Dienes die Technik von Spinn- und Webmaschinen für die Faserproduktion. Die Erzeugnisse von Dienes finden ihren Einsatz bei der mechanischen, thermischen Behandlung von Fasern, Fäden, technischen Garnen, Folien und Bändern.

Rund 40 Mitarbeiter

Doch damit nicht genug. Die rund 40 Mitarbeiter entwickeln unter Führung des Diplom-Wirtschaftsingenieurs Spinnanlagen und neue Fertigungsmodule speziell für den Einsatz in Laboren. Müller-Probandt: „Die Forscher kommen zu uns und sagen: Wir haben da eine Idee und wollen das gerne im industriellen Maßstab produzieren. Prüft das doch mal und baut uns den Prototyp dafür.“ Auch die Software für bestimmte Produktionsanlagen und -prozesse gehört zum Dienes-Sortiment. Das Unternehmen erzielt einen Jahresumsatz im hohen einstelligen Millionenbereich. Je näher man dem Thema „Spezialfäden“ kommt, umso komplexer wird es. Und umso mehr Zukunftspotenzial verbirgt sich dahinter. „Hochleistungsgarne sind in ihrer Feinstruktur so verändert, dass wir ganz erstaunliche Dinge damit bauen könen“, so Müller-Probandt. Die Optimierung der Garne wird durch den Einsatz von Schmelz-, Nass- und Trockenspinnanlagen und durch spezielle Beschichtungen erreicht. Exoten sind Fäden aus Keramik, die in Öfen zur Isolation und in Brennern Einsatz finden, in denen bis zu 2000 Grad Celsius herrschen.

Mit den in der Mühlheimer Philipp-Reis-Straße entwickelten Spinnmaschinen bauen Kunden in aller Welt zum Beispiel hochbelastbare, aber zugleich extrem leichte Flugzeugrümpfe und -flügel, Rotoren für Windräder, aber auch Fahrräder, Tennisschläger oder Vliesschichten, die als Drainage unter Straßen für ein richtiges Ablaufen von Feuchtigkeit sorgen und sogar Wühlmäuse fernhalten. Fäden und Fasern aus Carbon und ihre Produktion sowie Weiterverarbeitung sind ein weiteres Hauptarbeitsgebiet von Dienes. Auch in der Medizin kommen die Fäden zum Einsatz. Es gibt welche zum Vernähen von Wunden, die sich aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften im Körper auflösen. Die Fäden werden zu Kunststoff-Stents für Blutgefäße verarbeitet, ja bestimmte Fasern können sogar helfen, beschädigte Nervenbahnen bei ihrer Heilung zu unterstützen. „Wir betreuen gerade ein Projekt, bei dem eine Spezialmatte für Klinikbetten entwickelt werden soll. Ihre beschichteten Fäden verändern bei Druck den elektrischen Widerstand. Auf diese Weise kann man mit der entsprechenden Software genau feststellen, wo beim Patienten die Gefahr des Wundliegens droht“, so Müller-Probandt. Andere hochfeste Fasern werden zu schusssicheren Westen verarbeitet. Fasern im Nanobereich sind die Grundlage für Separatoren bei Batterien, Hochleistungsfilter und Matten, auf denen vielleicht irgendwann einmal Stammzell-Kulturen zu künstlichen Organen heranwachsen. Hinzu kommt das große Feld des Automotive-Bereichs.

„Die Textilindustrie ist ein sehr innovativer Industriesektor“

„Die Textilindustrie ist ein sehr innovativer Industriesektor“, so der Vater von drei Töchtern, der technikbegeisterter Mensch und Oldtimer-Enthusiast ist. Natürlich sei man auf das eigene Fachwissen stolz“, sagt Müller-Probandt. Gleichzeitig bewege man sich aber in einer kleinen Nische mit hoher Anfälligkeit und Abhängigkeit von bestimmten Kunden. Zudem verursache viel Fachwissen auch hohe Kosten. „Es ist immer ein Balanceakt.“

Gleichzeitig leiden Mittelständler wie Müller-Probandt unter einen stetig wachsenden Berg an Verwaltungsvorschriften und Sicherheitsgesetzen, für die bei kleineren Firmen nicht einfach eine neue Abteilung eingerichtet werden kann, sondern die die Belegschaft noch nebenher erledigen muss. Auch die Export-Beschränkungen nach Russland als Folge des Ukraine-Konflikts fördern nicht eben den Geschäftserfolg.

Von zwei Dingen träumt der Inhaber besonders intensiv: Erstens, dass sich die Politik mehr engagieren möge im Kampf gegen die Plage der „Heuschrecken“, die solide Firmen mit geliehenem Geld kauften, auspressten, eine ausgeplünderte Ruine zurückließen und das ehrliche Unternehmertum diskreditierten. Und er träumt von wirklich technikbegeisterten Nachwuchsingenieuren frisch von der Uni, die auch am Feierabend an irgendeinem alten Motorrad herumschraubten und die grundsätzlich etwas dagegen haben „immer nur alles wegzuwerfen, statt es zu reparieren“.

Rubriklistenbild: © dpa

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