Blick auf die Architektur

Stadtplaner Wolfgang Dunkelau zieht mit Geschichtsverein durch Mühlheim

Vergangenheit: Bruno Schmück (rechts) zeigt dem Architekten und Planer Wolfgang Dunkelau das jüngst abgerissene Bauernhaus an der Marktstraße.
+
Vergangenheit: Bruno Schmück (rechts) zeigt dem Architekten und Planer Wolfgang Dunkelau das jüngst abgerissene Bauernhaus an der Marktstraße.

Die Architektur hat im 20. Jahrhundert mehr und mehr ihre regionalen Gesichter verloren. Zwischen Häusern kann man kaum erkennen, in welcher Stadt man sich befindet. Vor kurzem sind Vertreter des Geschichtsvereins mit dem Frankfurter Architekten und Planer Wolfgang Dunkelau durch Mühlheim gezogen.

Mühlheim – Bruno Schmück, der Spezialist für historische Technik und Bauten im Verein, hatte die Sendung „Hässliches in Hessen“ mit Holger Weinert gesehen. Der Fernsehjournalist des Hessischen Rundfunks ging mit Dunkelau durch die Hauptstraße in Eppersthausen, wo viele Eigentümer über das Fachwerk abwaschbare Fassaden legten. Ein trostloser Anblick. Schmück kontaktierte dann Dunkelau. Drei Stunden nahm der sich Zeit, um mit ihm, Walter Schäfer und Angelika Loewenhain durch Dietesheim und Mühlheim zu gehen. In Lämmerspiel stießen Horst Baier und der Architekt Colin Uffelmann hinzu.

An der Ecke Marktstraße und Hirschgasse fiel vor kurzem das alte Bauernhaus samt Stallungen dem Bagger zum Opfer. Dunkelau hegt wenig Hoffnung, dass dort etwas entsteht, das sich mit dem ursprünglichen Charakter des Mühlheimer Zentrums nicht beißt. Es sehe die 08/15-Architektur, die dort wohl entstehe, schon vor sich.

Es könnte also bald so ähnlich aussehen wie in Dietesheim an der östlichen Obermainstraße, wo vor mehr als drei Jahren das vor 400 Jahren gebaute, älteste Fischerhaus-Ensemble des Orts samt einer Sequenz der alten Stadtmauer verschwand. Dort stehen mittlerweile zwei Häuser mit zwölf Eigentumswohnungen und Tiefgarage. „Alleine das Flachdach passt so überhaupt nicht in die historische Bauweise des Orts“, kommentiert Dunkelau, der hinzufügt, „es hätte durchaus noch schlimmer kommen können. Immerhin bauten die nicht einen Riesenklotz“.

Ein Problem bei der Stadtplanung sei, „dass den politischen Entscheidern oft der Sinn für bauliche Ästhetik fehlt“, meint er. Zudem würden die meisten nicht über die eigene Amtszeit hinaus denken. Auch die Zuständigen in den Stadtplanungsämtern seien „durchaus gute Verwalter, haben aber meist kein Interesse an Architektur“.

An der Pfarrgasse lobt Dunkelau die Sanierung des Fachwerkhauses neben dem Restaurant Abthof, von dem auch der Architekt nicht verstehen kann, warum die idyllische Immobilie auch schon lange vor Corona leer stand.

So wie ein anderes Haus an der Marktstraße mit Geschäftsfläche. Angelika Loewenhain erzählt, sie lebt seit 37 Jahren in Mühlheim, „schon damals wohnte da niemand“. Loewenhain berichtet, wie es einer Bürgerinitiative gelungen sei, dass ein Neubau nicht so hoch gebaut werden durfte, dass es dem kleinen Fachwerkhaus nebenan das Licht nimmt. Das sieht Dunkelau als Beispiel, „dass meist nur die Bürger Schlimmes verhindern können, nicht die Politik“.

Auf der Bischhof-Ketteler-Straße vor dem geschlossenen Hotel Waitz erzählt Horst Baier, der Vorsitzende der Lämmerspieler Geschichtsgruppe, wie besonders nach der Eingemeindung von 1977 „Häuser hässlich wie die Nacht“ das Stadtbild veränderten. Im damaligen Bürgermeister Werner Grasmück hätten Liebhaber alter Gebäude ohnehin keinen Lobbyisten gefunden. Der Architekt Colin Uffelmann, der auch Sprecher der Bürgerinitiative „Neue Ortsmitte Lämmerspiel“ ist, fürchtet, dass der Ortsteil durch den geplanten Neubau auf dem Waitz-Gelände weiterhin seinen Charakter verliere. Da es keinen Bebauungsplan gebe, „setzt das Maßstäbe, auf die sich andere berufen können“. Der Bauherr habe bisher lediglich sein Vorhaben korrigiert, das Dach zur Straße hin nicht flach zu gestalten. Horst Baier erklärt, von der Stadt höre er nur, „so sind die Gesetze, wir können nichts machen“.

Wolfgang Dunkelau meint, Lämmerspiel sei ein typisches Beispiel für fehlende städteplanerische Gesamtkonzepte, „ehe man neu baut, sollte man für die Infrastruktur sorgen“. Dazu gehöre neben ausreichend Schul- und Kindergartenplätzen auch der Öffentliche Nahverkehr, „den brauchen wir auch, um die Autos aus den Städten zu schaffen“. (Von Stefan Mangold)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare