Rote-Warte Siedlung

Stets die Scheiben gewischt: Geschichte der Tankstelle an der Rote-Warte-Siedlung

Das alte Türschild der Tankstelle hat Wolfgang Kefer aufgehoben.
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Das alte Türschild der Tankstelle hat Wolfgang Kefer aufgehoben.

1935 legten elf Siedler den Grundstein für die Rote-Warte-Siedlung. Kurz darauf gründeten sie die Siedlergemeinschaft. Wir stellen in loser Reihenfolge unterschiedliche Menschen aus dem Quartier vor.

Mühlheim – Den Eingang des Viertels markiert eine Tankstelle, eine der ältesten in der Region. Ihre Geschichte begann 1926 an der Paul-, Ecke Feststraße mit einer Spedition. Josef Kefer, Jahrgang 1904, hatte gerade einen gebrauchten Lkw erworben, einen mit Seitenfenstern im Aufbau. Damit organisierte er Umzüge, chauffierte Handballer und Fußballer, erzählt Sohn Wolfgang. 1938 kaufte die Firma für 8 652 Reichsmark einen neuen Mercedes Benz L 3000 Diesel, doch der wurde nicht mehr ausgeliefert, sondern zur Wehrmacht umgeleitet.

Kefer senior ergatterte einen alten Hentschel-Laster, doch auch diesen musste er mit seiner Einberufung zum Militärdienst mitbringen. Nach Frankreich- und Russland-Feldzug erkrankte der Mühlheimer und durfte nach Hause. Im Juli 1945 beantragte er bei der Militärregierung Offenbach, einen Wagen aus dem Pionierpark kaufen zu dürfen. Den zog er mit einem Traktor auf den Felgen in die Bahnhofstraße, wo er eine Garage gemietet hatte, um das Fahrzeug herzurichten. „Wir haben Teile aus ganz Süddeutschland zusammengeholt“, berichtet der Sohn. So konnte die Firma Ferntransporte nach Bayern und Berlin unternehmen. „Fahrten durch die sowjetische besetzte Zone hat unsere Mutter vereitelt.“

Erste Tankstelle mit Bedienung

Weil Josef Kefer einer älteren Dame ein Säckchen Brickets geliefert hatte, konnte er ihr Grundstück an der Offenbacher Straße kaufen – „vier Wochen nach der Währungsreform für eine Mark pro Quadratmeter“. Kefer wollte schon vorm Krieg eine Tankstelle bauen. Jetzt stand er kurz davor, erhielt aber zunächst keine Genehmigung, „weil die Zu- und Abfahrt den Radweg gekreuzt hätten“. Denn damals gab es eine „Völkerwanderung – aber nur morgens und abends, als die Leute zur und von der Arbeit radelten“.

Die Tankstelle an der Offenbacher Straße früher

„Wem wollen sie Benzin verkaufen, den Bäumen?“, lästerte ein Beamter. Klar, wer hatte damals schon ein Auto. Es waren die Portefeuiller, denen es nach 1948 gelang, Geld zu verdienen. „Da mussten am Auto Scheiben, Luft und Öl kontrolliert werden“, schildert Wolfgang Kefer diese Zeit. „Es war die erste Tankstelle mit Bedienung.“ Kefer hat betankt und Scheiben gewischt, sogar einen Waschplatz eingerichtet. 1955 war Bruder Gerd 18 Jahre alt und begann mitzuarbeiten. Wolfgang kam zwei Jahre später hinzu. Er absolvierte eine Ausbildung zum Elektriker.

Umstellung zum Selbsttanken erfolgte 1975

In den 1950-er Jahren wollte die Stadt eine Durchfahrt vom Frankfurter Weg bauen. Die Eltern Kefer tauschten ihr Grundstück mit dem städtischen daneben. Die Straßenverbindung kam nie zustande, Josef Kefer erhielt die alte Fläche kostenfrei dazu. Er verstarb 1966, seine Ehefrau 1971. Im selben Jahre wurde eine Waschanlage gebaut, die Tankstelle gen Osten erweitert. Doch vor dem Betrieb sollte eine Bushaltestelle entstehen, der Kommune genügten die Sicherheitsabstände nicht. Die Stadt stellte Kefer zusätzlich das Nachbargrundstück zur Verfügung, so ging es. Es war die Zeit, als das Benzin 82,9 Pfennig kostete, Super 89,9.

1975 stellte Kefer als erster im Kreis auf Selbsttanken um. „Das hat den Umsatz vervielfacht“, sagt er. Es entstand ein Reifenhandel mit Einlagerung, während für die Sanierung der Tankanlage 350 000 Mark fällig geworden wären. Also verpachtete Kefer ab 2003 an Jet, die Waschstraße wurde abgerissen.

Heute widmet sich Wolfgang Kefer seinem Hobby, hegt Isettas und Mercedes aus der Zeit der Firmengründung. (Von Michael Prochnow)

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