Umzug bei Nacht

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Ein Foto aus längst vergangener, dank der Hartnäckigkeit von Hobbyhistorikern aber nicht vergessenen Zeit. Es zeigt die Mühlheimer Synagoge in der Friedrichstraße, vielen noch als „Spinatgasse“ bekannt.

Mühlheim - Vor 100 Jahren, am 8. August 1914, wurde die Mühlheimer Synagoge in der Friedrichstraße, der früheren „Spinatgasse“, eingeweiht. Heute sind davon leider nur noch ein Gedenkstein und in Köpfe und Publikationen überlieferte Erinnerungen geblieben.

Jörg Neumeister Jung, schon lange mit der jüdischen Stadtgeschichte beschäftigt, hat den Werdegang der Synagoge zusammengefasst. Der lange gehegte Wunsch der Mühlheimer jüdischen Gemeinde, eine eigene Synagoge, wurde mit dem Kauf eines Grundstücks der Erben von Kaspar Kreis in die Tat umgesetzt. Bis dahin fanden die Gottesdienste in zwei Räumen des Hauses von Gerson Strauß in der Sackgasse statt. Die jüdische Gemeinde gewann Wendelin Spahn als Architekten für den Neubau, das Geld kam durch Spendensammlungen zusammen.

Für die Einweihungsfeier wurde ein eigener Synagogenchor gegründet. Er bestand aus 25 Mädchen und Jungen und probte zweimal wöchentlich unter der Leitung von Lehrer Oppenheimer aus Groß-Steinheim. Es sollte eine große Feier werden, die lange vorbereitet wurde. Doch eine Woche vor dem großen Tag begann die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. „Sang- und klanglos trug man die Thorarollen und sonstigen Geräte bei Nacht in ihre neue Wohnung. Damit war die Einweihung beendet“, schreibt Leopold Isaak, der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde, 1934 in einer Chronik.

Die Tatsache, dass jüdische Familien seit Generationen im Ort ansässig waren, sowie die aktive Teilnahme als Soldaten im Weltkrieg - es fielen Sally Stiefel und Hermann Rollmann - hielten nicht die fortschreitende Diskriminierung mit Beginn der Nazizeit auf. Bei der Volkszählung im Jahr 1933 gab es knapp 100 jüdische Einwohner in Mühlheim und Dietesheim; bis Ende Oktober 1938 verringerte sich ihre Zahl auf die Hälfte.

Mit der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreichte die Judenverfolgung auch in Mühlheim eine neue Stufe. Der „Sturm 3 der Standarte 168 der SA-Brigade 50“ im Bezirk Starkenburg zündete die Mühlheimer Synagoge an, zerstörte sie. Das Benzin wurde im Auftrag der Gemeinde an Ort und Stelle geliefert. Es brannten die Inneneinrichtungen und der Boden. In die mit Sternen bemalte Decke schlugen die SA-Männer Löcher, damit das Feuer mehr Luft bekommt.Die Thora-Rollen aber wurden von Leopold Isaak aus der Synagoge gerettet u nd im Keller seines Hauses begraben.

Im ehemaligen Wachthäuschen an der katholischen Kirche wurden Moritz und Bernhard Appel, Paul Friz, Julius Siwek, Hermann Stern und Leopold Isaak eingesperrt. Die Nazis brachten sie ins KZ Buchenwald. Nach einer halbjährigen Haft kehrten sie im Frühjahr 1939 nach Mühlheim zurück. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wohnten noch rund 30 jüdische Menschen in Mühlheim. Nur neun konnten bis Mitte Mai 1941 noch aus Deutschland fliehen.

Das Schicksal der Zurückgebliebenen hieß im Nazijargon „Endlösung“. Einer der Mühlheimer Juden starb im Mai 1942 in KZ Sachsenhausen. Am 17. September 1942 wurden 18 jüdische Menschen von der Gestapo aus ihren Wohnungen geholt, im Innenhof des Mühlheimer Rathauses zusammengetrieben und anschließend nach Offenbach gebracht. Der Älteste war damals 78 Jahre alt, der Jüngste zehn Jahre. Über Darmstadt wurden die Verschleppten ins KZ Treblinka deportiert und sofort vergast. Nur Moritz Appel kam ins KZ Theresienstadt und starb dort Ende 1942.

Das Gebäude der geschändeten Synagoge wurde 1939 vom Vorstand der jüdischen Gemeinde „verkauft“ und diente als Lagerhaus. Im Zuge der Entnazifizierung 1947 wurden die Brandstifter des Synagogenbrandes angeklagt und zum Teil zu Gefängnisstrafen verurteilt. Im Jahr 1971 wurde die Synagoge abgerissen. Seit 1988 erinnert auf dem Grundstück ein Gedenkstein an die Synagoge.

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