Ein Tatort

Die Gymnasiasten spielen im Jugendzentrum eine fiktive Schulstunde aus den dreißiger Jahren nach. Zu Errechnen sind „die täglichen Kosten für einen Geisteskranken.“Foto: man

Mühlheim - Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums präsentieren Ergebnisse des Auschwitz-Projekts

(man) Es gebe „Orte der Geschichte und Tatorte“, formulierte Bürgermeister Bernd Müller am Sonntagabend im Jugendzentrum. Dort stellte die 12. Klasse des Friedrich-Ebert-Gymnasium (FEG) ihr diesjähriges Projekt zu einem Ort vor, der wie kein anderer als Beispiel für eine Tat steht: Auschwitz.

Vor fast zwei Jahrzehnten, kurz nach Ende des Sozialismus, bot der in der Zwischenzeit pensionierte Lehrer Jürgen Bartholomé den Schülern des Leistungskurses in Gemeinschaftskunde an, sich ausführlich mit dem Thema zu beschäftigen. Von Anfang an arbeitete das FEG dabei eng mit der Bergschule aus der thüringischen Partnerstadt Apolda zusammen.

Im Zentrum des Kurses stand eine Fahrt für zwei Wochen in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. „Wer dort war, kehrt verändert zurück,“ sagte Bartholomé.

Die ersten sechs Jahre führte Hermann Reineck die Gymnasiasten durch das ehemalige KZ. Reineck saß dort selbst für zwei Jahre als österreichischer Sozialdemokrat ein.

Seit damals wiederholt sich die Fahrt jährlich. Die Schüler schlafen auf dem Gelände des einstigen Lagers, in einem früher von der SS genutzten Gebäude. Am Wochenende übernachten sie bei polnischen Familien. Der persönliche Kontakt mit den Einwohnern diene dazu, manchem medial vermittelten Zerrbild entgegen zu steuern, erläuterte Michael Schmidt, Lehrer für Politik und Wirtschaft.

Der Sonntagabend bestand aus zwei Teilen. Zum einen der Ausstellung von Fotos und Texten der Schüler, zum anderen aus einer Art Theaterstück, vorgetragen auf der Bühne des überfüllten großen Raums des Jugendzentrums. Wobei für die Bundestagsabgeordnete Uta Zapf (SPD) die Projektteilnehmer das Vorurteil revidierten, die Jugend gebe sich ausschließlich „hedonistischen Genüssen hin.“

In der Tat, was die Gymnasiasten aus Mühlheim zeigten, hatte nichts mit dem Klischee einer Viva-gestählten Generation zu tun. Alleine die Fotografien und Texte beeindruckten viele Betrachter erkennbar. Wie etwa das Bild von Robert Karl Ludwig Mulka, der Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß. Mulka erklärte später beim großen Auschwitzprozess in Frankfurt, von Vergasung nichts gewusst zu haben.

„Es ist still geworden,“ heißt es in einem Gedicht von Jonas Passel, der am Projekt teilnahm, „doch die Schreie hallen immer noch.“ Nicht verantwortlich „ist unsere Generation für das, was in den dreißiger und vierziger Jahren passierte,“ führte Schüler Jonathan Hackenbroich aus, „doch wir tragen Verantwortung für das, was kommt.“

Das Geschehen auf der Bühne schien jeden im Raum zu berühren. Der Applaus am Ende fiel schwer, gerade weil die Schüler ihre Sache nicht nur gut machten, sondern auch professionell. Es handelte sich um ein dramaturgisch fein und dicht ausgearbeitetes Mosaik aus Spielszenen, Bandaufnahmen vom Frankfurter Auschwitz-Prozess, eigenen Filmen und Bildern aus dem Lager, sowie selbst verfassten Texten.

Eine Szene handelt von einer fiktiven Schulstunde in den dreißiger Jahren. Die Lehrerin steht mit einem Stock in der Hand vor der Klasse und berechnet die Kosten „von Geisteskranken“ für die Volkswirtschaft. Die lägen pro Tag höher als der Lohn, „den ein Arbeiter verdient.“ Sie seien alleine aus dem Grund auf Null zu senken.

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