Der Spaß am großen Drama

Bei naher Betrachtung ist der Name „Teilzeitdenker“ schlicht

Mühlheim - Drei – zwei – eins – los! Philippe hat die Truppe gut im Griff, scheint es. Wer die Proben der „Teilzeitdenker“ eine Weile verfolgt, der erkennt, die jungen Talente steigern Effizienz durch Disziplin. Von Michael Prochnow

Der Regisseur pflegt einen strengen Rhythmus, bereitet eine Szene vor, startet sie wie einen 100-Meter-Lauf, unterdrückt jeglichen Kommentar während des Spiels und fordert die Zuschauer danach auf, den Auftritt zu kommentieren. Ziel ist die Aufführung einer eigenen Version des Priestley-Stücks „Die Zeit und die Conways“.

Wie bei fast jeder Theatergruppe sind auch bei den Teilzeitdenkern die meisten Mitglieder weiblich. Mit fünf von 17 sei die Männer-Quote aber besser als bei anderen Formationen in der Stadt, beharrt der Leiter. Letztlich spielt dieses Verhältnis keine Rolle, Philippe und seine Kollegen Laura Mücke und Hans-Christian Kwol schreiben von den ausgewählten Dramen stets eine eigene Version, die alle Talente berücksichtigt. Diesmal spielt ein Teil der Besetzung konsequent im Publikum.

Die Probe im größten Raum des Jugendzentrums strahlt viel Harmonie aus. Die 16- bis 23-jährigen Berufsanfänger, Studenten, Azubis und Schüler verfolgen die Leistung ihrer Mitspieler aufmerksam, formulieren respektvoll ihre Beobachtungen. Um die einzelnen Figuren authentisch darstellen und beobachten zu können, schlüpfen Darstellerinnen bereits vier Wochen so oft es geht in aufwändige Rüschen-Kleider.

Theater als „Flucht aus dem Alltag“

„Wir brauchen Publikum!“, fordert Philippe, und schon nehmen einige Kameraden auf den bereitgestellten Stühlen Platz. „Und reagiert auch wie ein Zuschauer“, fordert der Regisseur. Der Student der Germanistik, Kunst und Philosophie würdigt nach jedem Anlauf Sprache oder Bewegung, gibt aber auch konkrete Verbesserungsvorschläge. „Wer auf die Bühne will, kann auf die Bühne“, laute das Credo der Gruppe.

Sie hat sich mit einer Handvoll Mittelstufengymnasiasten von der damaligen Schultheater-AG abgesetzt. Und als das Angebot mangels einer Lehrkraft am Ebert-Gymnasium eingestellt worden ist, haben bei den „Denkern“ noch mehr Interessierte angeklopft. Motor Philippe hat aber auch viele Talente durch „intensives Bearbeiten“ für das Ensemble gewonnen, verraten die jungen Damen.

Die meisten arbeiten in einem medizinischen Beruf, einige beschäftigen sich auch beruflich mit Theater, Film und Fernsehen. Derzeit treffen sie sich einmal pro Woche im Raum der Bürger- und Seniorenhilfe, einmal im Juz und zu Probewochenenden, bald wird es täglich sein. Auf der Bühne in der Kulturhalle Schanz können sie erst kurz vor der Premiere üben. Das kostet viel Freizeit. „Mit Theater ist’s schwierig, aber ohne geht’s gar nicht“, schildert eine ihre Liebe für die Kunst. Das sei ein Teil ihres Lebens, helfe, „aus dem Alltag zu fliehen“.

Einnahmen werden gespendet

Das Werk ist in verschiedenen Epochen angesiedelt, Parallelhandlungen finden 1920, ‘39 und in der Zukunft statt. Noch feiert Familie Conway den 21. Geburtstag ihrer Tochter Kay standesgemäß. Alles scheint sich prächtig zu entwickeln. Doch 20 Jahre später sieht die Welt für die gutbürgerliche Familie ganz anders aus. Jeder ist auf seine Weise gescheitert, zwischen finanziellem Ruin, Unterdrückung, Gier und Tod entfaltet sich ein Familienzustand voller Abgründe und Trugbilder. „Priestley berührt die Grundpfeiler des Lebens, Religion, Kunst, Wissenschaft und Materialismus“, sagt der Mitautor.

„Komödien werden in der Stadt schon genug geboten“, argumentiert Philippe für die Wahl. Doch auch das Interpretieren von Dramen bereite Spaß. Die Runde hat Gesang von Sandra Helmer, Filmsequenzen von Laura Mücke und Live-Musik in das Stück integriert, Kostüme bei Internet-Auktionen oder von Oma und Opa ergattert.

Die sitzen freilich im Publikum, am 25. und 26. August, 2. und 9. September im Schanz. Karten gibt’s im Vorverkauf allein im Fachgeschäft Le Bel Etage in der Dietesheimer Elisabethenstraße 32 zu neun und acht (Studenten) Euro. An der Abendkasse kosten sie dann zehn oder neun Euro. Den Gewinn werden die Akteure diesmal dem Mühlheimer Verein „Rettet Kinder – Rettet Leben“ zur Verfügung stellen.

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