Tisch ums Notebook gedeckt

Siebenten-Tags-Adventisten feiern Gottesdienste online

Feiern im Lockdown: Auch Pastor Michael Mainka l(inks) und das Ehepaar Gerhard und Hanna Wagner halten sich an die Corona-Regeln.,
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Feiern im Lockdown: Auch Pastor Michael Mainka l(inks) und das Ehepaar Gerhard und Hanna Wagner halten sich an die Corona-Regeln.,

Was macht eine Kirchengemeinde ohne Gemeinde? Die Gläubigen der Siebenten-Tags-Adventisten dürfen sich als religiöse Gemeinschaft zwar auch während der Pandemie zum Gottesdienst treffen, zumal sie in ihren Räumen am Zeppelinring ein Hygienekonzept mit Einbahn-Wegen, Desinfektionsmittel und Plätzen mit großem Abstand eingerichtet haben. Für Pastor Michael Mainka ist es aber eine Form von Solidarität, wenn die Christen mit Künstlern, Einzelhändlern und Wirten Verzicht üben.

Mühlheim – „Wir genießen historische Privilegien“, ist dem Theologen bewusst, „aber wir sollten auch zurückhaltend sein“, verteidigt er die Schutzmaßnahmen. Der Gemeinderat habe sich auf eine Grenze bei der Sieben-Tage-Inzidenz geeinigt: Liegt sie über 100 Corona-Infizierte, bleibt das Gemeindezentrum geschlossen. Die Mitglieder können sich trotzdem sehen: „Jeder hat seinen Computer für die Teilnahme an Videokonferenzen eingerichtet“, berichtet Mainka, „auch die Generation 80 plus nimmt teil, nur wenige sind so nicht erreichbar“.

Jeden Samstag, dem biblischen Sabbat, beginnen sie um 9.30 Uhr mit einer kurzen Andacht. Oft leiten Laien die Feier und predigen auch. „Dem Volk kommt bei uns eine große Rolle zu“, unterstreicht der Pastor. Es folgen Informationen für die Gemeinschaft, dann bietet eine offene Runde Raum zu erzählen, was einen bewegt. Um 10.30 beginnen die Live-Gottesdienste auf Fernsehkanälen und im Internet, zum Beispiel aus dem Hope-TV-Studio der Adventisten in Alsbach-Hähnlein.

20 bis 30 Mitglieder der Mühlheimer Gemeinde sind dabei, wenn Kindersegnungen und Abendmahl übertragen werden. Dazu haben viele Gläubige zu Hause den Tisch ums Notebook herum gedeckt. Wenn der Pastor das Brot bricht, tun es ihm alle vor den Web-Kameras gleich. „Die Technik ist schon sehr hilfreich in Krisen und kann Manches auffangen“, resümiert Gerhard Wagner. Der ehemalige Seelsorger führte die Gemeinde von 1997 bis 2009. Als Rentner ist er jetzt in Teilzeit aktiv, als Bewohner des Gebäudes ehrenamtlich als Hausmeister tätig. „Wir pflegen auch übers Telefon persönliche Kontakte“, ergänzt er das Corona-Programm. „Meine Arbeit sieht schon anders aus“, erläutert Mainka, der auch in Neu-Isenburg und Frankfurt-Unterliederbach wirkt. „Ich muss nicht so viel Auto fahren, für eine Sitzung genügt es, den Computer hochzufahren.“

Sehr bitter sei der Verzicht auf persönlichen Kontakt in den Kliniken. „Ich muss einen triftigen Grund für einen Besuch angeben, aber die Bemühungen in den Krankenhäusern sind fast aussichtslos“, sagt er. Es gibt aber auch positive Aspekte. „Für viele Interessierte war es zu anstrengend, nach einem harten Arbeitstag zum Bibelgesprächskreis nach Mühlheim zu kommen“, schildert der Pfarrer. „Vor den Bildschirmen ist der Kreis wieder aufgelebt.“ Die Angehörigen der Gemeinde, die 2003 nach 100 Jahren von der Bismarckstraße in Offenbach an den Zeppelinring zog, wohnen in einem Umkreis von 40 Kilometern.

Und noch einen Vorteil bringt die Situation der Kirche: „Unsere Angebote haben weniger Konkurrenz, wenn Fitnessstudios und Bürgerhäuser geschlossen sind.“ Ganz persönlich hat Michael Mainka den Freiraum im ersten Lockdown genutzt, um ein Buch zu schreiben.

Hanna Wagner und ihr 25-köpfiges Team haben die Zeit der Verbote ebenfalls sinnvoll ausgefüllt. Der Nähkreis Lebensfreude hat in Heimarbeit exakt 2745 Masken genäht, sie auch Grundschülern in Offenbach und Menschen mit Behinderungen in den Hainbachtal-Werkstätten zur Verfügung gestellt. Dazu haben die Frauen im ersten Corona-Jahr 590 Herzkissen für an Brustkrebs operierte Frauen gefertigt, 100 Oktopusse für Frühchen gehäkelt, Mützchen sowie Bettchen für Totgeborene genäht. Infos unter muehlheim.aventist.eu (Von Michael Prochnow)

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