Tödliche Fallen für Aale

Mühlheim - Eine Besonderheit in Filmen des Regisseurs Luis Buñuel ist das Arrangement von Bildern, die im Alltag nicht zusammentreffen. Ein Mann wacht etwa nachts auf und beobachtet einen Strauß, der am Fußende seines Bettes vorbeiläuft. Von Stefan Mangold

Der Dietesheimer Ingenieur Alwin Kaiser sitzt noch spät abends im Büro seiner Firma im Gewerbegebiet Süd und bespricht mit Tochter Laura, welche Aufträge noch raus müssen. In der Fertigungshalle stehen jedoch nicht nur Maschinen zur Montage von medizinischen Gerätschaften. Von einer Vorrichtung hängt auch ein riesiges Fischernetz herab. Kaiser zeigt ein weiteres. Dessen Form erinnert an Thrombosestrümpfe. Es eigne sich, „um Aale auf dem Flussboden zu fangen“ erklärt Kaiser, der technisch komplexe Apparaturen entwickelt, aber auch binnen Minuten komplizierte Knoten in ein festes Garn strickt. Sämtliche Netze stammen von eigener Hand.

Der gläubige Katholik ist Mitglied der Fischerzunft Steinheim. Seit Jahrhunderten vererbt sich in seiner Familie die Mitgliedschaft. Zwei seiner drei Töchter absolvierten mit 14 Jahren eine Fischerlehre, einer der Enkel beginnt jetzt ebenfalls. Samstags leitet Kaiser als Meister der Zunft Kurse, die nicht nur aus Stricken bestehen, sondern vor allem aus Fisch- und Gewässerkunde.

„Kollateralschäden der Wasserkraftwerke“

Im Vergleich zu früher fischt die Zunft heute jedoch kaum noch. Fischer, die von ihren Fängen leben können, mussten schon vor über hundert Jahren die Segel streichen. „Nur in der Notzeit nach dem Krieg flammte das kurz wieder auf.“ Heute widme sich die Zunft hauptsächlich der Fisch- und Wasserpflege. Ein Netz, wie es in seiner Halle hängt, brauche er, „um die Kollateralschäden der Wasserkraftwerke zu überprüfen“.

Entlang des Main gibt es nämlich 34 Staustufen. Ursprünglich dienten die ausschließlich dazu, den Pegel für die Schifffahrt zu regulieren. Später bekamen 33 von ihnen die Zusatzfunktion eines Wasserkraftwerks. „Ökostrom wird dort offiziell erzeugt“, sagt Kaiser. Doch unter der Wasseroberfläche ereigne sich ständiges Gemetzel. „Besonders die Aale kommen bei ihrer Wanderung flussabwärts in die Räder der Turbinen“. Die, die sofort zerfleischt würden, hätten Glück. Viele lebten verletzt weiter, fänden in den Rädern des nächsten Kraftwerks ihr Ende. Kaiser zeigt Bilder nach einem Hochwasser. Aale mit Wunden liegen am Ufer.

„Zwei Tonnen verendeter Aal“

Eine Dissertation untersuche die Verhältnisse am Wasserkraftwerk Dettelbach. „Das alleine produziert im Jahr zwei Tonnen verendeten Aal“. Nur zwei bis drei Prozent der Aale schafften die Strecke ins Meer. Den Weg hoch fände schon seit über hundert Jahren keiner mehr auf natürliche Weise. Zwar existierten sogenannte Fischtreppen, doch die seien nur Makulatur. „Ebenso kann man Ampeln aufstellen.“ Als Vorsitzender der AG Main fordert Kaiser deshalb „Umgehungsbäche, wie den am Kraftwerk Freudenau bei Wien an der Donau.“ Aale gebe es im Main nur, „weil die Zünfte sie seit den 30er Jahren als junge Glasaale dort aussetzen.“

Das Mitglied der Fischerzunft verbindet sich jedoch auch mit dem Ingenieur. In Zusammenarbeit mit der Uni Weimar entwickelte Kaiser „einen intelligenten Rechen“. Dabei handele es sich um eine Installation, die Treibgut und Fische schonend weiterleite. Eine Machbarkeitsstudie existiere längst. Für technische Versuche benötigten er und sein Firmenpartner von der Uni um die 750.000 Euro. Beim Bund stellte Kaiser bereits einen Antrag auf Fördergelder.

„Keine parlamentarische Kontrolle“

Betreiber fast aller Kraftwerke ist der Versorger EON. Weil es sich um Strom aus erneuerbaren Energien handele, „bekam der Konzern über Nacht einen subventionierten Ökoaufschlag“. Kaiser rechnet den für die EON-Kraftwerke am Main auf über 42 Millionen Euro im Jahr hoch. Was mit dem Geld passiere, „darüber gibt es keine parlamentarische Kontrolle“.

EON habe zwar Interesse gezeigt, eine funktionierende Anlage zu installieren, an Entwicklungskosten „wollen sie sich bisher jedoch nicht beteiligen“.

Rubriklistenbild: © dpa

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